rororo Jazz-Lexikon.
Reinbek bei Hamburg, 2002


Martin Kunzler: rororo Jazz-Lexikon. Reinbek bei Hamburg, 2002

Brennan, John Wolf (p, comp, präp. Klavier, org, melodica), *13.2.1954 Dublin. In ständigem Balanceakt zwischen Improvisation und Komposition, zwischen den überholten E- und U-Schubladen des Konzertbetriebs hat der irisch-schweizerische Pianist John Wolf Brennan einen eigenständigen europäischen Beitrag zur improvisierten rhythmischen «Weltmusik» geschaffen, die unter dem Begriff Jazz subsumierbar ist. Oft mit dem Etikett “Collage” behaftet, lebt seine reflexionsreiche Message in der Tat von einer grossen Offenheit für Materialien und Ideen, bezieht ihren Reiz aber nicht so sehr aus der frappierenden Gegenüberstellung, sondern vielmehr aus der komponierten und improvisierten Entwicklung dieses Materials, die sich in ihrer Methodik zum einen aus jenem selbst herleitet, zum anderen jedoch einer Art antipodischen Ausrichtung folgt.

Der Künstler, ob als ideensprudelnder, technisch perfekter Solopianist, Komponist von Orchesterwerken oder Mitglied eines seiner unterschiedlichsten Ensembles, wahrt dabei die Souveränität über das Material und seine Ausgangsideen durch kommentierende, oft sogar ironisierende Antworten: ein antiphonisches Verfahren, das sowohl den ursprünglichen Sinn dieser Technik übersteigt als auch den ihrer afroamerikanischen Variante. Es ist auf Polarisierung aus, offenbar mit dem Ziel, diese entlarvend zu überwinden. «Musik kennt keine Grenzen, auch nicht zwischen Sinnlichkeit und Geist», bekennt denn auch John Wolf Brennan, der aus der gälischen Folklore ebenso zitiert wie aus der alpenländischen, aus der seriellen Musik ebenso wie aus der populären, und der in seiner rechten hand schon den ironischen Dolch zum Stoss bereit hält, während der Fuss auf dem Pedal noch einen Romantizismus nachklingen lässt. Doch Brennan entwickelt sein Material stets zu in sich geschlossenen, formal brillanten und zudem goutierbaren Kunstwerken.

John Wolf Brennan, der einer irisch-schweizerisch-deutschen Musikerfamilie entstammt, wuchs in der Schweiz auf. Er studierte 1975 bis 1979 in Fribourg Musikwissenschaften, gleichzeitig bis 1979 an der Swiss Jazz School Bern und von 1979 bis 1984 parallel am Konservatorium Luzern Klavier und an der Akademie für Schul- und Kirchenmusik Luzern Musikpädagogik mit Diplomabschluss an beiden Hochschulen. Ergänzende Studien gab es u.a. bei Karl Berger in Woodstock, James Wilson in Dublin, Edison Denisov und Klaus Huber in der Schweiz. Seit 1980 als Klavierlehrer und seit 1989 als Professor in Immensee tätig, fand er Anfang der achtziger Jahre erste internationale Aufmerksamkeit als Duopartner von Urs Leimgruber, mit dem er die Alben «Mountain Hymn» (1986), «An Chara» (1988), «Polyphyllum» (1989) und «M.A.P.» (1990 mit Norma Winstone) einspielte. Daneben gab es Duo-Aufnahmen mit Corin Curschellas («Entupadas».1988), Christy Doran («Henceforward», 1989, wieder veröff. 1995), Daniele Patumi («Ten Zentences», 1993) und Hans Kennel («pipelines», 1994).

Seit 1988, und das ist ein Schwerpunkt seines Œuvres, tritt Brennan auch solo auf – mit Klavier, präpariertem Klavier und u.a. auch mit einem Klangflügel von Martin Spühler. Obwohl zyklisch als «Blue Trilogy» angelegt, sind seine Solo-Einspielungen auch auf Einzel-CDs veröffentlicht, so «The Beauty of Fractals» (1989) und «Iritations» von 1991, «Text, Context, Co-Text & Co-Co-Text» (1994) und «The Well-Prepared Clavier» (1998). Einen zweiten Schwerpunkt bildet seit 1989 die Arbeit mit der Gruppe Pago Libre mit Daniele Patumi (b), Tscho Theissing (v) und Lars Lindvall (tp), später Arkady Shilkloper (frh). Sie gastierte – wie auch der Solopianist Brennan – bei zahlreichen grossen Festivals, darunter Salzburg, Bolzano, Moskau, Luzern, und dokumentierte ihre Arbeit auf den Alben «Extempora» (1990), «Pago Libre» (1996), «Wake Up Call» (1999) und «Cinémagique» (2001).

John Wolf Brennan, der 1990 mit dem prominent besetzten Creative Works Orchestra seine Komposition «Dance, You Monster, To My Soft Song» beim Willisau Festival aufgeführt hat (CD “Willisau Live And More», 1993), schreibt auch Theater-, Vokal- und Kammermusik, u.a. realisiert auf «Bestiarium». Er arbeitet zudem mit dem Quintett Shooting Stars & Traffic Lights (gleichn.CD 1995) mit Alex Cline (dr), John Voirol (ss, ts), Theissing und Patumi, ferner mit Slava Gayvoronsky (tp) in St.Petersburg, dem Sextett HeXtet («Through The Ear Of A Raindrop», 1998), dem Trio Aurealis (gleichn.CD 1997) mit Patumi und Robert Dick (fl) sowie mit der Pianistin Marianne Schroeder. Unter zahlreichen Veröffentlichungen der jüngeren Zeit in unterschiedlichster Besetzung sind zudem «Brink Man Ship», «Momentum», und «MinuteAge» (alle 1999), «Entropology» und «Pipelines» (beide 2000) hervorzuheben. Der vielfach ausgezeichnete Komponist und Musiker, den 2000 die Markant Foundation mit einem Kompositionsauftrag bedachte (die Oper «The Age of Anxiety» nach W.H.Auden), wurde 2000 für seine Einspielungen der letzten Jahre mit dem Preis des Swiss Radio International ausgezeichnet.

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