Publikationen
von 1999


Einst

Einst werde ich liegen
im Nirgend
bei einem Engel
irgend.

Paul Klee


Von (kon)textuellen Engels-Spuren
und der fragmentarischen Suche nach dem LICHT
– ein Text in X Fragmenten

von John Wolf Brennan

I

Engel sind männlich, sagt die deutsche Sprache. “Jeder Engel ist schrecklich”, beginnt Rainer Maria Rilke seine zweite Elegie. Nach Hugo Loetschers brasilianischen Erfahrungen sollte man am Grabe seiner Tochter nicht weinen, weil diese mit nassen Flügeln nicht in den Himmel fliegen kann. Peter Handkes Engel hingegen sehnen sich in Wim Wenders wunderbarem Film «Der Himmel über Berlin» nach den alltäglich-banalen Verrichtungen der Sterblichen, würden liebend gerne einmal Philip Marlowe die Katze füttern, Fieber haben, schwarze Finger vom Zeitungslesen, ein Gewicht spüren, einen Fisch fangen, Lämmer braten, essen und trinken, aber sie sind nun einmal verdammt zur reinen Geistesexistenz, in Ewigkeit, Amen. Und Luis Buñuel, der grosse katalanische Filmregisseur, formulierte am Ende seiner Autobiographie «Mon dernier soupir» seinen letzten Wunsch so: wenn er eines Tages auf dem Friedhof liegen würde, e i n m a l im Jahr an die Erdoberfläche klettern zu dürfen, zum nächsten Kiosk gehen zu können, um dann so angewidert von den Alltags-Nachrichten menschlicher Katastrophen zu sein, dass er liebend gerne wieder zurück ins Grab steigen würde.

Ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Buches ist Buñuel endlich bei den Engeln gelandet. Wahrscheinlich dreht er jetzt gerade die letzten Szenen zu «Le Charme indiscret de la Bourgeoisie céleste» ab — ein posthumer Oscar wäre ihm sicher.


II

Wie aber steht es mit uns Sterblichen, die wir — einen kosmischen Atemhauch lang — auf dieser Erde uns be-finden dürfen? Haben wir noch eine Ahnung von der himmlischen Grenzenlosigkeit? Er-innern wir uns an die Engel in uns, oder haben wir sie schon längst durch unseren vermeintlichen Verstand weg-rationalisiert, ent-zaubert, zu einmal kurz vor der Adventszeit abzustaubenden «Jahresendfiguren» – wie sie in der dogmatisch-atheistischen DDR [un]seligen Gedenkens noch hiessen – entweiht?

Dabei zeigen sich die Himmelsboten zu allen Zeiten erstaunlich vielseitig und alles andere als weltfremd: sie treten als Kämpfer und Drachenbezwinger auf, als Mahner und Tröster. Häufig überbringen sie wichtige Botschaften fast so schnell und sicher wie das Internet (steht E-Mail etwa für Engels-Post?), mindestens aber per A-Post, oder sie betätigen sich als im Okzident und Orient bestens orientierte Reiseführer. Als Musen inspirieren sie in Museen die irdischen Künstler und Kuratoren (die ihnen weiss Gott wieviel verdanken) und bezaubern uns mit ihrer eigenen, himmlischen Musik, der Harmonie der Sphären. Doch das ist längst nicht alles: Engel bilden die Räder und Speichen am Streitwagen Gottes, überraschen uns als Ehevermittler, Schuhmacher, Seelengurus und himmlisches Vorzeige-Ehepaar.


III

Einen Engel zu erkennen, ist folglich nicht ganz einfach. Die (äusserlich verinnerLICHTen) Bilder eines nebeldurchzogenen Sonnenaufganges über dem Vierwaldstättersee zum Beispiel könnten Ihnen einige Anhaltspunkte dazu geben: sie öffnen uns für die Welt der Träume, der Licht- und Nachtwesen, der unendlichen Schichten des Unbewussten, der konzentrischen Kreise der Seele; und erinnern uns so ganz nebenbei an die Schutzgeister, auf die wir doch so selten hören wollen, weil ihre Stimme so leicht übertönt werden kann. Allerdings sind sie deswegen nicht weniger präsent — zum Beispiel beim Schwanengesang eines oesterreichischen Musikers: am 22.April 1935 starb, im Alter von achtzehn Jahren, Manon Gropius, die Tochter Alma Mahler-Werfels aus deren Ehe mit dem Berliner Bauhaus-Architekten Walter Gropius.

“Noch bevor dieses fürchterliche Jahr zu Ende sein wird”, versicherte der Komponist Alban Berg in einem Brief an Alma Mahler, “mag Dir und Franz Werfel aus einer Partitur, die dem Andenken eines Engels geweiht sein wird, das erklingen, was ich fühle und wofür ich heute keinen Ausdruck finde.“
Die nächsten Wochen standen nun ganz im Zeichen des Violinkonnzertes, das Alban Berg Mitte August 1935 – rechtzeitig zum 56. Geburtstag Alma Mahlers – beenden konnte. Vier Monate später, am Weihnachtstag 1935, starb der Komponist, selber erst fünfzig Jahre alt geworden.


IV

Bleiben wir noch eine Weile bei Bildern und blenden zurück zu Paul Klees Darstellung «Engel, noch tastend» aus dem Jahre 1939. Dieses (innerlich veräusserLICHTe) Bild bietet verschiedenste Einstiegsluken in die «Anderswelt», die noch für die Kelten, also unsere helvetischen Vorfahren, zur selbstverständlichen Mitwelt gehörte. So verschieden die Blickwinkel, die perspektivischen Linien, das Spiel von Licht und Schatten und der optische Horizont auch sein mögen, im Brennpunkt fliessen diese Licht-Teilchen und -Wellen zusammen und bilden eine relative Oase der Ruhe für das Auge, damit es sich auf die nächste visuelle Vulkan-Eruption vorbereiten kann.


V

“Wichtiger als die Natur und ihr Studium ist die Einstellung auf den Inhalt des Malkastens. Ich muss dereinst auf dem Farbklavier der nebeneinander stehenden Aquarellnäpfe frei fantasieren können." (Paul Klee, Tagebuchnotiz, 1910)
Das Papier ist seine Leinwand, Fettkreide, Kleisterfarben und Aquarell sein Pinsel. Dass Paul Klee mit Farben arbeitet, darf angesichts der fast blendenden Kraft seines chromatischen Spektrums schon fast als ungehörige Untertreibung gelten: be-flügelt durch die leuchtende Strahlkraft der Aquarelltöne und dreidimensional herausgehoben durch den samtigen Glanz der Fettkreide und ihrem Schattenwurf, setzt er zu einem wahren Farbensturm, zu einem irisierenden Farbgewitter an, das mit archaischer Urgewalt die fernsehmüden Sehnerven in einen pulsierendem Rhythmus zwingt, im Gleichgewicht, aber prekär; stabil, aber labil; das heutige Auge vom Fern-Seher zum Nah-Betrachter werden lässt.


VI

In seinen Bildern werden die verschlungenen Pfade in “Hauptweg und Nebenweg” (1929) zu Verxierspielen; die bald deutlich, bald latent erkennbaren Figuren wie das “Besessene Mädchen” (1924), der “Schauspieler” (1923), der “Mann mit dem Mundwerk“ (1939), das Strichmännchen in “Eile ohne Rücksicht” (1935), “Die Sphinx geht” (1939) oder das “X-chen” (1938) wuchern zu geheimnisvollen Allegorien. Das zum schwindelerregenden Spagat ausholende “Hat Kopf, Hand, Fuss und Herz“ (1930), das mysteriös versteckte “Vollmondopfer” (1933), die labyrinthische “Lagunenstadt” (1932) oder die schattenkletternden Vektorpfeile in “Eros” (1923) verwandeln sich metamorphisch in grafisch verspielte, aber mathematisch präzise gesetzte Ornamente; die Ornamente wiederum ent-wickeln sich zu organischen Figuren. So schliesst sich der Kreis von Werden und Vergehen — vom Rosengartenwinde verweht.


VII

Rot heisst Wärme, Eros, Kraft. Blumen blühen auf steinigem Boden. Pilze schiessen durch Asphalt. Das Wachsen des Kristalls. Al Fresco-Technik: solange die Farben fliessen, können und müssen sie bearbeitet werden. Der Schaffensprozess muss schnell und spontan erfolgen, die Gedanken müssen weit voraus fliegen. Geist und Materie prallen aufeinander. Marmorierung, Struktur und Haarrisse entstehen durch gebrochene, das heisst fragmentierte Farben, durch den Zusammenprall von Farbklängen und dem Untergrund.


VIII

Das Materielle tritt dabei in den Hintergrund, das Malen als kreativer, gestalterischer Prozess transzendiert das Material. Als zusätzliches Verfremdungselement setzt Paul Klee eine Art Schriftzeichen ein: eine kunstvoll verschnörkelte Geheimschrift, die die klare Gliederung der Farben unterläuft und überlagert mit einem Netzwerk paralleler Welten, wobei die grafische Gestaltung einer typographischen Suggestion gilt, die Syntax und Semantik ganz der Phantasie des Betrachters überlässt, der durch diesen optischen Reiz raffiniert zu bald lustvoll-entdeckungsfreudigen, bald frustrierend-fruchtlosen Dekodierungsversuchen angeregt wird und ganz nebenbei auch über den Sinn und Unsinn unserer Sprache nachzudenken beginnt – Hieroglyphen des Hier und Jetzt
— in sich ruhend eine ruhig-beunruhigende Ent-Zifferung des Daseins, in prekärem Gleichgewicht, leise schaukelnd.


IX

Titel wie “Trauernd”, “Entweihte Sphinx”, “Wachstum in einem alten Garten”, “Das Tor zur Tiefe”, “Tanze, du Ungeheuer, zu meinem sanften Lied”, “Mit der sinkenden Sonne”, “Blaue Blume”, “ABC für Wandmaler” oder “Ein Kinderspiel” verbergen oft mehr, als sie offenbaren, eine Erkenntnis, die sich auch im Traum wieder findet: nicht nur BILDER (was sich vom mittelhochdeutsch “bilwiz”, “Wundersames wissend”, herleitet), sondern KON-TEXTUELLE FRAGMENTE sind zu betrachten.

Steckt schon im Wort “Text” das lateinisch “textere”, also “weben, flechten, fügen” eine Anspielungen auf die Bedeutung der leeren Fläche, so wird diese im Zusammenhang mit dem Begriff “Fragment”, das sich aus lateinisch “frangere” = “brechen”, also “bruchstückhaft, unvollständig” zu einer direkten Aufforderung, ja zu einer Aufgabe des Betrachters, seine eigene Bedeutung in diesen geflochtenen Bruchstücken zu suchen, die keinen Moment lang ein falsche Vollkommenheit vorspiegeln, welche es doch allenfalls im anfangs besungenen Engelsrefrain von Paul Klee geben kann.


X

Das Fragment als nicht-vollendete Bruchstelle, als Tor zu einer vorstellbaren Welt der Ganzheit, als ewig in Veränderung befindlicher Ausschnitt aus einer grösseren Wirklichkeit, als Torso eines gedachten Farbklang-Körpers, als Wegweiser im undurchdringlichen Labyrinth des Lebens er-innert uns an die eigene Endlichkeit.


Rilke hin oder her – die Engel sind weiblich.

John Wolf Brennan

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt.

Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.

Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst.

Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.


Walter Benjamin, Der Engel der Geschichte

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