Publikationen
von 2000


«Luzerner Woche» vom 18. April 2000

Animation - die Seele der Frau

La création du monde: zwar ist im Französischen die Welt maskulin, die Schöpfung aber feminin. In der deutschen Sprache ­ wer hätte ihr soviel Sinnlichkeit zugetraut? ­ sind beide reichlich weiblich. Zwar nur grammatikalisch, aber immerhin. “Les femmes animent le monde“ heisst ein ebenso altes wie weises Motto im Französischen, und das Lateinische "animare" bedeutet "Leben einhauchen, beseelen". Alle menschlichen Lebewesen ­ sogar die Männer! ­ haben die ersten neun Lebensmonate in einer Frau verbracht, wurden also im wahrsten Sinne des Wortes “animiert”. Die meisten Menschen wurden in ihrer Kindheit wesentlich von der Mutter geprägt, gepflegt, beseelt, animiert, und das wird mindestens noch solange so bleiben, bis das menschliche Genom endgültig dekodiert, der langweilige Zeugungsprozess rationalisiert, die aufwändige Paarbindung dereguliert wird und wir alle in einem globalen Human Outsourcing wie “Dolly”-Schafe geklont werden. Noch stehen der industriellen Erzeugung von Legebatterien ein paar lästige Hindernisse im Weg, z.B. die ungeklärte Rechtslage der weltweiten Patentierung von Lebewesen. Da investieren wir doch lieber in Internet-Aktien...

Die ursprünglich-archaische Kraft des Matriarchats führte in früheren Zeiten zu kulturellen Höhenflügen der Menschheit: etwa in der irisch-keltischen Blütezeit oder in der minoischen Kultur auf Kreta um 1400 vor Christus, wo es Menschen tatsächlich gelang, ein paar Jahrhunderte ohne Krieg zu leben. Heute erleben wir eine Welt, die wesentlich von kriegerischen Männer-Idealen geleitet wird. Die Giftsaat des Patriarchats bricht nicht nur in der post-kolonialen Dritten Welt, sondern auch auf unserem eigenen Kontinent immer wieder auf. Der Neuen Welt, wohin viele Bewohner des Alten Kontinents ausgewandert sind, steht ein Präsident vor, der seinen Cowboy-Colt mit Cruise Missiles, Flugzeugträgern und lasergesteuerten Bomben vertauscht hat. Und sein russischer Amtskollege lässt sich als KGB-Veteran und Kriegsheld feiern.

Schöpfung ohne Frau?

Ob im Kosovo, in Ruanda oder in Tschetschenien: Kinder hauchen ihr Leben in sinnlosen Gemetzeln aus, Frauen von Männern aufs Brutalste vergewaltigt, und die Welt wird systematisch ent-seelt. Um auf die Grammatik zurückzukommen:
d i e Welt wird zu d e r Welt.

Nach dem amerikanischen Historiker Joseph Campbell (“Der Heros in tausend Gestalten”) erfolgt jede wahre Heldengeschichte in drei Schritten: in der ersten Phase wächst die Heldin/der Held (im Englischen ist “the hero“ sowohl männlich als auch weiblich, obwohl es
mit “heroine“ auch eine spezifisch feminine Form gibt) in einer sozialen Gemeinschaft auf, also einer Familie, Sippe, Clan; in einer zweiten Phase reist sie ab in eine unbekannte, gefährliche, oft auch übersinnliche Welt, muss dort der Gefahr trotzen und ­ manchmal nur symbolisch, manchmal handgreiflich ­ den sagenhaften Drachen töten. Sie muss sich also aus dem engeren Kreis der Heimat herauswagen und sich in der Ferne bewähren. Damit wird sie aber noch nicht heldenhaft. Heroisch kann die Geschichte erst dann werden, wenn die Heldin nach bestandenem Abenteuer wieder in die Gemeinschaft zurückkehrt und die Kraft, die ihr der individuelle Sieg verliehen hat, mit den Mitmenschen teilt. Campbell hat damit eine Art Typologie der schöpferischen Phantasie der Menschen geschaffen. Schöpfung ohne Frauen?

Gleichberechtigung heisst auch: Abtreten!

Heute scheint das Postulat der Gleichberechtigung auf dem Papier erfüllt. Kein männlicher Politiker könnte es sich heute noch leisten, offen gegen die Emanzipation einzutreten, nicht einmal aus den Reihen der SVP ­ wobei in deren Zürcher Fraktion Tabubrüche ja politisches System haben und Herr Blocher uns immer wieder zu überraschen weiss. Also alles paletti für die Frauen im Land?

Kaum. Die gesellschaftliche Diskriminierung ist lediglich viel subtiler geworden. Männer haben gelernt, sich auch im emanzipatorischen Umfeld ihre Pfründe zu sichern. Unter dem bequemen Deckmantel der politischen Korrektheit werden nach wie vor krasse Lohnunterschiede und stossende Rechtsungleichheiten hingenommen. Ohne die Rolle der Frauen heroisieren zu wollen: es wird für uns alle zur Ueberlebensfrage werden, ob sie in der Gegenwart und der nahen Zukunft endlich die Welt von Grund auf mitgestalten können, nicht nur an der Wiege und am Herd, sondern ebenso am Arbeitsplatz, in den Spitälern, Schulen und Universitäten, an vorderster Front in der (Gen-)Forschung, in den Chefetagen der Unternehmen und in den ersten Reihen der Politik.

Es ist höchste Zeit, dass die Männerwelt abtritt. Ins zweite Glied.

 

John Wolf Brennan

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