Publikationen
von 2001


aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2001

Die schöne neue Welt
des Food Engineering

Ein Gespenst geht um - leider nicht nur in Europa. BSE und die Maul- und Klauenseuche haben eine jahrelang verdrängte Entwicklung schlagartig ins Zentrum des medialen Interesses gezerrt: die industrielle Eroberung der Lebensmittelproduktion. Man reibt sich die Augen und erwacht aus einem langen Schlaf: biblische Prophezeihungen haben plötzlich Aktualitätswert, und mittelalterliche Seuchenszenen wirbeln zusammen mit den Bildern britischer Kadaververbrennungen in die Luft.

Das Gespenst erscheint nicht nur in unverdächtiger Verpackung, sondern ist in edelste Designerklamotten gehüllt, schreitet auf dem roten Teppich der neonglitzernden Konsumtempel voran, glänzt mit eloquenten Neologismen ("naturidentische Aromastoffe"), wirbt mit frechen Sprüchen ("Das 5-Sekunden-Frühstück"), versteckt sich hinter harmlos erscheinenden Abkürzungen ("bewilligte Hilfsstoffe E 221"), um gleich darauf wieder mit verführerischen Slogans ("probiotische Nahrungsfasern") um sich zu werfen.

Die Aussichten sind also verlockend, aber auf dem einladend gedeckten Tisch dampfen vollsynthetische Pseudo-Lebens-Mittel, welche mit "Leben" etwa soviel zu tun haben wie die Oelfarben eines Leinwand-Stillebens mit frisch vom Baum gepflückten, knackigen Aepfeln.

Wenn man den multinationalen Foodmassenproduzenten in die siedenden Chemietöpfe schaut, sieht man, dass die systematische Verschlimmbesserung der Natur auf allen Ebenen in vollem Gange ist. Wer will hier noch altmodisch von "essen" reden, wenn die Supermarkt-Regale doch voll sind mit functional und convenience food, mit vitaminangereicherten Energy-Drinks und ausgewogenen Ballaststoffen, Emulgatoren, Verdickungsmittel,

Geschmacksverstärker und Stabilisatoren? Da ist das frühenglische "fooden" wohl treffender - willkommen in der schönen neuen Welt des Food engineering! Big Brother is watching your table... und einem geschenkten Gen-Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul.

Gibt es noch kulinarische Alternativen? Bald werden die fleischnotständigen Europäer mit billigen Charterflügen in Argentinien landen. Es scheint, dass das Land der unbegrenzten Rinderweiden und fleischgewordenen Träume eine grosse Zukunft vor sich haben könnte. Die Europäer werden sich wochenlang ihrem verbotenen Genuss hingeben, Berge von Fleisch in sich hineinkauen. Schon der erste Biss ins Steak ist eine Offenbarung: ein lukullischer Höhepunkt. In Europa wird man Alternativen suchen. Aber kommt das nicht zu spät? Oder gelingt es doch der Genforschung, schon in allernächster Zeit fleischtragende Bäume zu entwickeln? Vegetarische Rinder statt Kinder? Ein Paradies für uns Früh-Rentner im Rindergarten-Alter...

Leider hilft uns die Wissenschaft auch nicht viel weiter, denn wie die Geschichte zeigt, sind die gesicherten Erkenntnisse von heute oft die grossen Irrtümer von morgen. Gesunde Ernährung ist letzten Endes eine Frage des eigenen, subjektiven Wohlbefindens, da helfen keine "objektiven" Diät-Regeln, und kommen sie noch so "wissenschaftlich" und "klinisch getestet" daher.

Bald wird man das Getreide ganz einfach klonen, das Gemüse nicht nur Hors-Sol, sondern Hors-Nature ziehen und die eierlegende Hochleistungs-Wollmil©hsau endlich patentieren lassen - damit sind lästige Copyright-Fragen endgültig vom Tisch und die Schöpfung ins Museum verbannt. Da läuft einem doch das frisch aufbereitete Wasser im Munde zusammen - En Guete!

(Buchtipp: "Prost Mahlzeit! - krank durch gesunde Ernährung" von Udo Pollmer, Andrea Fock, Ulrike Gonder und Karin Haug, Köln 2001, KiWi 630)

John Wolf Brennan

top | back


 

CH-6353 Weggis