Publikationen
von 2001


aus: «Luzerner Woche» vom 11. Januar 2001

"Das alte Jahr ist aus
verlassen steht sein Haus
verklungen ist der Hall
von Glocken überall
Doch unvergessen sei
von seinem Vielerlei
das Gute das da war
im lieben alten Jahr."

Karl Wolf, zum Neujahr 1933
(Vater von Hanspeter und Karl Ulrich Wolf, Hotel Albana Weggis, also mein Grossvater)


Die Zeitenwende am Jahresende


Am Ende des Kalenderjahres nehmen sich einige Menschen genau die Zeit, welche sie meistens angeblich nie haben: die Zeit, um über die Zeit nachzudenken - Metazeit.

Seit es astronomische Kalender gibt, haben Jahreswenden die Fantasien beflügelt. Wer erinnert sich heute noch an den Milleniumswechsel? Gerade erst zwei Jahre her, erscheint uns die damalige Hysterie um Computerabstürze und andere Weltuntergänge reichlich absurd. Magische Zahlensprünge scheinen alte Aengste zu schüren und neue Tore zu öffnen, im neuen Jahr wird alles besser, und kaum haben wir uns vorgenommen, all die alten Fehler endgültig hinter uns zu lassen, stolpern wir auch schon wieder über dieselben, denn - wie der Volksmund so nüchtern wie treffend feststellt: der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

Mit quartzgenauen Uhren und cäsiumgesteuerten Funksignalen nähren wir die Illusion, Zeit fassbar zu machen. Aber schon der Längenverleich von sechzig nicht endenwollenden Minuten beim Zahnarzt und der rasenden Kürze einer Stunde süssen Verliebtseins bringt uns in Erinnerung, wie defini-tief subjektiv unser Zeitempfinden reagiert.


Rela-tief

Nicht erst sein Alfred Einstein wissen wir auch, wie relativ die Zeit uns vorkommen kann: es gibt jugendliche Greise so gut wie vergreiste Jugendliche, und spätestens wenn wir Geologen beim angeregten Gespräch zuhören, nehmen wir leicht amüsiert zur Kenntnis, dass eine "junge Erdschicht" ohne weiteres ein paar Millionen Jahre alt sein kann. Für Kosmologen sind milliardenjährige Sternhaufen erst grad im Teenage-Alter, und ganze Galaxien kaum den Kinderschuhen entwachsen. Stephen

Hawking öffnet uns in seinen Büchern "Eine kurze Geschichte der Zeit" und - ganz neu und als Neujahrsgeschenk sehr empfehlenswert - "Das Universum in der Nussschale" den Blick auf die birnenförmige Gestalt der Zeit. Von einem religiösen Standpunkt wiederum aus betrachtet, ist eine zweitägige Aufenthaltszeit auf diesem Planeten (zum Beispiel wenn ein Kind kurz nach der Geburt stirbt) kein Jota weniger wert als ein hundertjähriges "reich erfülltes" Leben: dieses hat einfach ein Jahrhundert länger zu seiner Vollendung gebraucht als jenes - also ein durchaus zweifelhaftes und erst noch ziemlich relatives Verdienst, auf das wir uns nicht zuviel einbilden sollten, auch wenn es dann im Radio zu einem "Memo"-Gratulationsgrüsschen oder gar zu einem Denkmal reicht. Nirgendwo sind wir gleicher, bleicher und reicher als auf dem Friedhof.

Nicht zuletzt deswegen ist eine der traurigsten Redensarten die Metapher vom "Totschlagen" der Zeit. Sie entlarvt nicht bloss eine äusserst seltsame und sinnlose Agressivität, sondern humane Allmachtsphantasien, die angesichts der absoluten Macht der Zeit schon fast verzweifelt lächerlich anmuten. Der Ausgang des ewigen Wettbewerbs, wer denn wen "totschlägt", ist nämlich - früher oder später - ziemlich klar.

Und schliesslich, wenn uns dann am Ende des Jahres doch noch die Zeit fehlt,
um über die Zeit nachzudenken, können wir sie ja in den Wintersportorten sammeln gehen. An jedem Skirennen erzählen uns ja die Kommentatoren wortreich, wie und wo Vreni Schneider schon wieder 34 Hundertstelsekunden auf der Piste verloren hat...

John Wolf Brennan

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