Publikationen
von 2003


 
Die Kunst der Ablenkung
Vier Vorsätze und ein Nachsatz (zum Neujahr.04)

1. Vorsatz
Wenn ein Ire eine Geschichte erzählt, ist er am blossen Datentransport nicht interessiert. Stattdessen errichtet er einen vierdimensionalen Palast, in dem er seinen Gesprächspartner dazu einlädt, die zahlreichen Seitengänge eingehend zu erforschen. Wenn bei diesem ebenso uralten wie spannenden Spiel quasi als Nebenwirkung Informationen von A nach B gelangen, ist dies zwar nicht ganz unerwünscht; aber nie die Hauptsache. Hatten denn die Druiden schon Laptops? Hypertext-Verknüpfung, Metasprache, zappende Knappen und surfende Sufis – ist das Zeitalter der Information ein archäologischer Fundus, oder ist es schon wieder vorbei?

2. Vorsatz
Jemand, der sich vorgenommen hat, endlich das Rauchen aufzugeben, und zum Zwecke der Umsetzung dieses edlen Vorsatzes (obwohl, wie der Volksmund sagt, der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist) aufs NEUE JAHR hin möglichst alle Bekannten mit der hochoffiziellen Ankündigung dieses kühnen Vorhabens beglückt, damit das moralische Gewicht dieser Verlautbarungen ihm hilft, nicht rückfällig zu werden, dieser jemand also könnte sich heute Silvesterabend – frei nach Anton Tschechov – würdevoll vor seinen verehrten gnädigen Gästen verbeugen und ihnen einen Vortrag über die Schädlichkeit des Tabaks halten, dem er möglicherweise als einziger Zuhörer mit dem gebührenden Ernst folgt, mit dem Ziel, sich selber in seinem Vorsatz zu bestärken.

3. Vorsatz
Zunächst aber gilt es gegenüber der geneigten Zuhörerschaft eine ausführliche Rechtfertigung darüber abzugeben, warum dieser Vortrag – gerade heute – überhaupt notwendig sei, dass er dazu von seiner Frau angeregt wurde, die eine Musikschule und ein privates Pensionat führe, ein populärer Vortrag für wohltätige Zwecke sollte es sein, jawohl. Zupft sich die Weste zurecht. Er sei natürlich kein Professor, trage keine akademischen Würden, dafür die Bürden einer nun schon dreissigjährigen Berufsarbeit, zum Schaden der eigenen Gesundheit, und habe manchmal sogar wissenschaftliche Aufsätze geschrieben, unter anderem unter dem Titel «Ueber die Schädlichkeit einiger Insekten». Seinen Töchtern habe er sehr gefallen, besonders das über die Wanzen... sie hätten sogar im Klavier Wanzen gefunden! Beim Klavierspiel pflege er jeweils, nach ein paar Takten Beethoven, genussvoll eine zu rauchen, die Tasten seien alle schon ganz gelb, aber nicht vom Nikotin, nein, das Elfenbein habe sich ganz von allein stockfleckig verfärbt, und ob jetzt eigentlich die afrikanischen oder indischen Elefanten die grösseren Ohren haben? Aber Beethoven ist gut gegen Kopfweh, und mit einem Blick auf die Uhr jetzt wollen wir doch anstossen auf... Gesundheit!

4. Vorsatz
Wenn er einen Vortrag halte, habe er oft ein Zucken im rechten Auge, das komme von der Aufregung. Also, der Tabak, der trotz seiner schädlichen Wirkungen auch in der Medizin Anwendung finde, sei in der Hauptsache unzweifelhaft keine Zierpflanze, und wenn man zum Beispiel eine Fliege in eine Takaksdose setze, krepiere sie, wohl aus nervlicher Zerrüttung... trocknet sich den Schweiss mit einem blauweissen Taschentuch. Alle seine Töchter seien an einem 13. geboren, und eigenartigerweise hätten die meisten weiblichen Pensionsgäste ein Hündchen dabei. Er räuspert sich. Ausgehend von der Tatsache, dass der Tabak also schädlich sei, sollte man mit erhobener Stimme auf keinen Fall... Er hoffe doch, dass sein Vortrag stolpert über sein Weinglas durchaus seinen Nutzen haben wird... geht unter allgemeinem Applaus von der Bühne,

Nachsatz
um sich eine letzte Zigarette anzuzünden, die allerletzte. Garantiert.


John Wolf Brennan

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