Publikationen
von 2003


 
Kleine Anleitung zur Komposition

1) Am Anfang ist immer eine Geschichte – Schicht um Schicht ge-schichtet.

2) Jedes Aufgeschichtete strebt nach Aufgehobensein – im dreifachen Sinne des Wortes: aufge-hoben (vom Bodensatz des Vergessens), auf-gehoben (in eine neue, noch zu ergründende Sphäre empor) und aufgehoben (für eine spätere Zeit).

3) Dadurch – und nur dadurch – kommt ein vierter Sinn zum Tragen: die Auf_hebung von Zeit und Raum. Wenn Musik gut aufgehoben ist, hebt sie sich selbst und das hörende Subjekt auf. Beide ko-existieren dann als reine Energie, die fliesst, solange sie gehört wird. So gesehen, sind Ausdrücke der Empfindsamkeit wie ” e s klingt in mir” oder “entrückt” präzise Beschreibungen einer Befindlichkeit am Uebergang in einen anderen Zustand im
Parallel-Universum der Töne.

4) Der Mensch hat sich die Musik geschaffen, um der Energie Gestalt zu geben. Form ensteht durch Wachstum und das Dazwischen-gehen, das Plötzliche, die Schnitte.

5) Der erste Ton ist nie das Problem, sondern schon da, gleichsam schon dessen immanente Lösung – man muss nur genau genug auf ihn hören.
“ Wie finde ich den zweiten Ton?” (Wolfgang Rihm). Erst dann beginnt die Suche. Aber vielleicht hat er DICH schon gefunden...

6) Oeffne dich für die un-sag-bare Spannung zwischen diesen zwei Tönen, lass sie durch deine Pole hindurchgehen, versuch den Strom zu fassen
(das geht nicht ohne nasse Hände und Schockzustände). Dann lass es fliessen.

7) Schau durchs Fernrohr, durchs Sonoskop: einzelne Sternentöne sind zwar Millionen von Lichtjahren entfernt, aber Du bist mittendrin! Musik überspringt den Raum in Nullzeit, die Zeit in Nullraum, die Makro- wird zum Mikrokosmos, zum osmotischen Austausch von Innen und Aussen.

8) Wenn sich die Töne zu einem Melos verbinden, lass sie darin atmen.

9) Töne, die vom Publikum nicht aktiv rezipiert werden, sterben im Moment ihres Aufblühens auf der Bühne den Heldentod, noch bevor sie den Schalltrichter oder das Griffbrett richtig verlassen haben – die Bühne wird zum Schlachtfeld, zum Leichenhaus.

10) Musik hat etwas fundamental Anarchistisches: sie wehrt sich – letzten Endes immer erfolgreich – gegen jede Form der Vereinnahmung. Kubanische Revolutionslieder werden den Maximo Lidér genauso überleben wie Lully‘s Ouvertüren die Popanzen des Roi soleil; Eislers “Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben” die Berliner Mauer (“Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugetan” hiess der Anfang der DDR-Nationalhymne) und Beethovens Neunte die letzte Woche im Führerbunker (wahlweise als Apotheose des Ariertums oder des Ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates missbraucht)
Palestrina‘s Gesänge die päpstlichen Bullen und Strawinskys Soldat die Aktivdienstzeit.


John Wolf Brennan

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