Publikationen
von 2003


 
Ehe man(n) sich‘s versieht...

Fassen wir den (von der Niederkunft her) mittelalterlichen Begriff “Ehe” einmal ganz weit und subsummieren darunter sämtliche Formen des häuslichen Zusammenseins, von der alterna(t)iven “Zweierkiste” über alle konku-bienenfleissigen Spielarten der Homo- und Heterophilie bis zu den Patchworkfamilien und LAP-tops (Lebensabschnittspartnerschaften). Sprechen wir also frisch von der Leber weg über das wichtigste Lebensthema: Zusammen.L(i)EBEN. ist oft unverhofft. SCHWER.

Es geht ans Lebendige, also um die ständige (anständig-inständige) Krise. Ein Blick in die Etymologie erinnert uns daran, dass “Krisis” bei den antiken Griechen ursprünglich “Entscheidung, entscheidende Wendung” bedeutete, dass ihr infolgedessen durchaus auch ein heilendes Potenzial innewohnt. Diese Heilkräfte gehen aber meist dann am ehesten vergessen, wenn es “kriselt”. Und hinter der Entscheidung lauert allzschnell die Scheidung.

Und an was entzünden sich denn die grossen Ehekrisen? Auch hier ist Bescheidenheit angebracht. In den seltensten Fällen sind es nämlich die grossen ethischen, weltanschaulichen, religiösen oder philosophischen Fragen, sondern es geht um die Sensation des Alltags, um (ichhabsdochschonhundertMalgesagt!) Hemden, die mann achtlos auf den Schlafzimmerstuhl wirft, um (schon wieder!) offene Klobrillen, ums Sitzpinkeln, um (nicht schon wieder!) Zugluft, Türschliesslärmpegel, Geschirrwaschmaschineneinräumlogik, Zahnpastaausdrucksystemunlogik, Güselkübelkompression, Espressomaschinendepression, unleserliche Einkaufszettel-

Kommissionen, sortenreines Rohstoffentsorgen, Schulturnsackversorgen — überhaupt: alles ver-SORGEN! — um die Dosierung der Wassermenge des Zierpflanzenbegiessens und des Lenkradausschlags beim Vorwärtsparkieren, um feuchte Schuhabdrucke im Gang, überhängendes Zeitungsbergsteigen auf der Treppe und kreatives Autoschlüsselverlegen im Garten, ganz nach dem notorisch omnipräsenten Motto: “Mann weiss es immer besser, als frau denkt.”

Angesichts dieser schwelenden Dauerkrisen ist guter Rat teuer. Da ist es tröstlich zu wissen, dass die “Hei-Rat” bereits in althochdeutschen Zeiten mit dem “Haus-Rat” verwandt ist...


John Wolf Brennan

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