Publikationen
von 2003


 
Es lebe der Spoart!

Haben Sie schon mal versucht, ein amtlich geprüftes Kindersitzli auf ein Mountain Bike zu montieren? Auf dem virtuellen, also nicht vorhandenen Gepäckträger? Ohne Handwerkerkurs, intensivem Studium einer zwanzigseitigen Anleitung und teuren Spezialwerkzeugen? Vor Urzeiten, als die simplen Drahtesel noch ganz volkstümlich “Velos” hiessen, aus Sursee oder Pfeffikon stammten und mit Dynamo, chromblitzenden Schutzblechen und soliden INKA-Aluträgern ausgerüstet waren, war diese Montage eine Sache von Minuten. Heute muss das MTB (made in China) zuerst mal beim diplomierten Fahrradhändler mit den dafür vorgesehenen Plastikspritzwassersteckschützen (sic!) und stromlinienförmigen Trägerelementen ausgerüstet werden. Dafür sind die Kindersitze denn auch BfU-geprüft, mit schultergurthöhenverstellbaren 4-Punkt-Sicherheitsgurten und speichensicheren Fussstützen versehen und erst noch aus sortenreinen, wiederverwertbaren Kunststoffen hergestellt.

Willkommen also in der schönen neuen Welt des Kindersports! Nicht, dass jetzt das Biken für Babies propagiert werden soll, aber das Groteske der eingangs gestellten, einfachen Frage ist symptomatisch für die meisten Trendsportarten, die in den letzten zwei Jahrzehnten eifrig auf den Modemarkt
geworfen wurden. Kleinkinder haben da nichts verloren, der Nachwuchs ist schlicht und ergreifend nicht vorgesehen, weil (noch) keine kaufkräftigen Konsumenten locken. Von abenteuerhungrigen Singles für überforderte Yuppies (young urban professionals) und gelangweilte Dinkies (double income, no kids) konzipiert, soll der ultimative Adrenalin-Kick durch allerlei externe und extreme Nervenkitzel erzeugt werden. Bei der (demografisch langsam aussterbenden) Spezies “Eltern mit” wird diese exogene Energie von den Kids täglich in Hülle und Fülle gratis und franko Haus geliefert. Der Adrenalinpegel hüpft wie ein wild gewordenes Bungee-Seil auf dem Trampolin des Nervenkostüms, bis zum Ueberdruss der “Erziehungsberechtigten” – wie Eltern politisch korrekt neuerdings genannt werden – und die (V)Erzogenen werden nicht mehr mit Sportsgeist goutiert.

Bungee-Jumping mit dem Snugli-Tragegestell auf dem Rücken? Riverrafting mit Pampers-Familienpackung? Paragliding mit Ersatz-Nuggi? Wasserskifahren mit Velo-Anhänger? Free climbing mit dem “Lüchzgi” (Kindergarten-Leuchtdreieck) um den Hals? Mountainbiken mit dem Drüradvelöli? Das Rad wurde und wird zwar immer wieder neu erfunden, aber bei der hedonistischen Sucht-Suche nach immer neuen Kicks sind die Kids meist nur ein lästiger Störfaktor, bis sie dann ein paar Jahre später endlich bereitwillig ins heiss umkämpfte Inlineskate- und Snowboard-Segment und damit den Marketing-Managern in den Schoss fallen. Wie sang doch der österreichische Liedermacher Rainhard Fendrich: “Es lebe der Spoart - er ist gesund und macht uns hoart.”
In Anlehnung an einen bekannten, besonders hintersinnigen Bündner Mineralwasser-Slogan kann man eingedenk dieses rad-ikalen Fort-Schrittes
nur noch seufzen: “Alles wird besser, FALLS ER bleibt gut!”


John Wolf Brennan

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