Publikationen
von 2003


Risiko und Restrisiko

Stellen Sie sich vor, 1961, unter dem Eindruck des Sputnik-Schocks, hätte der schweizerische Bundesrat Werner von Braun an die ETH geholt (Albert Einstein und Wolfgang Pauli waren ja schon dort) und proklamiert, “bis zum Ende des Jahrzehnts werden wir den Mond mit einem bemannten Raumschiff besuchen”. Wie bitte? Was glauben sie, wäre das Echo im Parlament und auf der Strasse gewesen? Wahrscheinlich wäre “Schpinnts dene komplett?” noch eine der höflicheren Reaktionen gewesen... Ganz sicher aber wäre die guteidgenössische Tradition des sorgfältigen Abwägens aufs Tapet gekommen, diese unzähligen Variationen über ein einziges Thema, das da heisst: “Jäää - händ sie sich die Sach guet überleit? Händ sie au... (und jetzt folgt eine bedeutungsvolle Pause) s‘Riiisiko iiiberächnet?”

Wo dieses Totschlagargument raketenschnell landet, wächst kein Gras mehr, kaum ein Gräschen, geschweige denn ein zartes Start-Up-Unternehmen oder gar ein (man wagt es fast nicht auszusprechen) kühnes Unternehmen von nationaler Tragweite — erfreuliche Ausnahmen wie etwas das KKL in Luzern oder die NEAT bestätigen die Regel. Und die “bedeutungsvolle Pause” wächst sich dann bald einmal zu einem Jahrzehnt aus, einer Zeitspanne, die beispielsweise den Amerikanern für eben diesen “giant step for mankind” genügte, oder einem Riesenland wie China für den Sprung aus der kommunistischen Diktatur ins kapitalistische Boombusiness. Erinnern Sie sich an den “Solar Challenger” der Ingenieurschule Biel, der in den 80er-Jahren an die Weltspitze fuhr und der Schweiz einen ziemlich einsamen Vorsprung in der Solarzellen-Technik verschaffte? Ein paar Jahre später musste dieses technologische Know-How an die japanische Konkurrenz verscherbelt werden, weil Venture Capital hierzulande immernoch ein Fremdwort war und ist. In Amerika (und anderswo) hingegen hiess die Antwort: “Sure ­ let‘s do it!“, und solange damit nicht der Abzugshebel einer militärischen Abenteuertruppe gemeint ist, kann uns dieses risikofreudige Zauberwort durchaus weiter bringen.

In den folgenden Ausführungen möchte ich versuchen, mich an die zentralen Begriffspaare Risiko und Chance, Risiko und Mut, Risiko und Verheissung heranzutasten. Der Begriff Risiko wurde im 16.Jh. als kaufmännischer Terminus aus dem ital. risco (“Wagnis, Gefahr”) entlehnt. Das frz. risquer bedeutet “in Gefahr bringen, aufs Spiel setzen, wagen”. Wer nichts wagt, gewinnt nichts. Ein Wagnis braucht also Mut. Mut ist aus dem germ. muot und engl. mood (“nach etwas trachten, heftig verlangen”) abgeleitet, bezeichnet ursprünglich einen seelischen Erregungszustand und wurde häufig im Sinne von “Zorn” verwendet. Die heute vorherrschende Bedeutung von “Tapferkeit, Kühnheit” setzte sich erst seit dem 16.Jh. stärker durch. Wer Mut zeigt, gibt sich (und anderen) eine Chance. Alea iacta est: der Würfel ist gefallen. Die Chance stammt aus dem Lehnwort Schanze (“Glückswurf”). Das frz. chance bezeichnete wie das lat. cadentia (“Fall”, Kadenz”) den glücklichen Fall der Würfel beim Glücksspiel, woraus sich dann die allgemeine übertragene Bedeutung “glücklicher Umstand” entwickelte. Stammwort ist das lat. Verb cadere (“fallen”), von dem auch die Dekadenz (der Zer-Fall) und Okzident (niederfallen, untergehen, auf die Sonne bezogen; das Abendland ist also rein sprachlich schon lange vor Oswald Spengler “untergegangen”) abgeleitet ist. Verheissung wiederum kommt vom ahd. heizzan (“auffordern, befehlen”); ver-heissen aus dem mhd. “versprechen, verheizen, verloben“) - hier kommt also deutlich auch das Element der Utopie, des U-Topos (der Ort, der nirgends ist) zum Zug.

Ohne Risiko kein Mut, ohne Mut keine Chance, ohne Chance keine Verheissung. Das grösste Risiko wäre demnach die Vermeidung jeglichen Risikos.

 

John Wolf Brennan

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