Publikationen
von 2004


 
Dürrenmatt – nicht nur für alte Damen

Die Welt als Fall – im doppelten Sinne des Wortes: als bald pathologischer, bald krimineller Fall des “Kommissar Dürrenmatt“, den dieser allerdings auch nicht zu lösen weiss, für den er aber immer wieder neue, oft überraschende, nicht selten erschreckende Metaphern [er]findet; und als Fall ins Bodenlose, im freien Fall durch den endlosen Tunnel, akribisch genau beobachtet vom Beobachter der Beobachter des Beobachters.

So führt Dürrenmatt die Leser in ein undurchdringliches Labyrinth, entführt sie in ein Durcheinandertal, verführt sie zur Hybris des Turmbaus, zur herkulischen Ausmisterei im Augiasstall, vorbei am Richter und seinem Henker, lässt sie eine Panne erdulden, den Meteor sehen, die Physiker spüren, den Besuch der alten Dame erleiden und die Schweiz als Gefängnis erleben, in der die Gefangenen gleichzeitig die Bewacher sind, die Zellen als Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt.

Weit und breit ist keine moralische Instanz zu sehen, welche vor diesem Absturz Halt auf sicherem Boden bieten könnte. Kein kantig-kategorischer Imperativ ist zur Stelle, um den alltäglichen Macho-Machenschaften Einhalt zu gebieten. Die politischen, wissenschaftlichen und kirchlichen Autoritäten haben sich längst selber desavouiert, korrumpiert, als Mittäter und Mitmacher entlarvt. Und auch die hehre Welt der Kunst ist Teil dieses zynischen Mechanismus, ob sie will oder nicht, macht wacker mit, giesst da ein bisschen Oel ins Feuer oder hier Sand ins Getriebe, was letzten Endes das System nur stärkt.

Ein Fall als Fall ins Bodenlose. Die Höllenmaschine tickt weiter. Nach Verdun, Warschau, Ausschwitz, Stalingrad und Hiroshima breiten sich ihre Metastasen überall weiter aus, von Saigon bis Sarajewo, von Ruanda bis Bogotà, von Belfast bis Bagdad, von Gaza bis Grosny.
Obwohl Doc, die Hauptfigur im Stück «Der Mitmacher», keck behauptet, “Morden rentiere sich heute nicht mehr”, produzieren seine Nachfolger heute nicht nur A-, B- und C-Waffen aller Art. Sie haben sein Massenvernichtungs-Arsenal unerhört “intelligent“ aufgerüstet mit Cruise Missiles, Ueberwachungssatelliten, lasergesteuerten Smart Bombs, Stealth-Flugzeugen, Bulldozer-Panzern, urangehärteter Munition, Interkontinentalraketen und ferngesteuerten Drohnen. Dazu kommt eine monströse Millionenzahl an Landminen, oft als Kinderspielzeug getarnt. Eine Tochterfirma von Doc stellt die Prothesen und Rollstühle her und schafft damit - zynisch kalkuliert - hochwillkommene Arbeitsplätze in wirtschaftlichen Randregionen, just-in-time, lean gemanagt, quality controlled und gnadenlos globalisiert.

Der bald morbide, bald nekrophile Zynismus von Doc‘s Boss reduziert die Mord- und Gewaltopfer auf ein “hygienisches Problem”, welches trotz der drohenden Umweltverschmutzung im Krematorium “entsorgt” werden muss. Da kommt die Doc-Erfindung des “Nekrodialysators” gerade rechtzeitig... Die Welt als Vexierspiel. Mitmacher sind wir alle.


John Wolf Brennan

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