Publikationen
von 2004


 
Good vibrations

Das Meisterstück der Beach Boys ist ein Meilenstein der Popmusik: kühne Vokalharmonien, rhythmisch federnde Strandmatten und ein grandios-arios eingesetztes Teremin machten aus dem Dreiminutensong eine dramaturgisch klug gebaute Minioper, die sich 1969 auf den ersten Platz der Charts katapultierte. Good, good, good, good vibrations....

Im gleichen Jahr hatte Beate Uhse europaweit bereits mehr als 160‘000 Vibratoren verkauft. Massagestäbe gehörten schon damals so selbstverständlich zum Schlafzimmer-Inventar wie Nackenrolle und Radiowecker. Dunkelrot gerippt, mit dezenter Tonlage – so ruht er in der Schublade und wartet auf weibliche Lust und Launen. Im Gegensatz zu den Vertretern des starken Geschlechts sind Dildos geduldig und pflegeleicht. Sie lassen weder dreckige Unterhosen auf dem Boden liegen, noch riechen sie meilenweit nach Migros-Aftershave, lesen Zeitung im Bett oder klingeln im falschen Moment an der Haustür. Ausserdem benötigen sie lediglich zwei Batterien und leiden nie an erektilen Dysfunktionen.

Nach einer steilen Karriere hat es der Vibrator heute zum obligatorischen Haushaltaccessoire geschafft. Auf dem einschlägigen Markt existiert eine Vielzahl von Modellen, vom überlebensgrossen Tyrannosaurus Rex Dildo – der bei Vollgas so laut brummt wie eine Harley Davidson am Gotthardpass – über den eleganten Damentröster mit garantierter Tiefenentspannung im Colani-Design bis zum mauvefarbenen Vollplastik-Lümmel, der zur Not auch als Philipp-Starck-Handstaubsauger durchgehen würde, dabei aber den Charme einer Braun-Munddusche ausstrahlt. Modecreateurs auf der Höhe des Zeitgeistes formen die Zauberstäbe gerne nach realen CEO-Vorbildern der Business Class (je abzock desto rock), aber wie so oft zählen die inneren Werte: Hauptsache deutscher Motor und ein handfestes Leistungsprofil.

Erfunden wurde der stets aufgestellte Stabsoffizier übrigens bereits 1869 in den USA von Dr. George Taylor. Der damals so genannte “Manipulator” war allerdings nicht so handlich wie heutige Modelle, eher glich er einer Dampfmaschine. Er war auch nicht für den häuslich-autoerotischen Ersatz-Einsatz gedacht, sondern als klinisches Therapiegerät zur Behandlung der damals häufig diagnostizierten
Frauenkrankheit “Hysterie”, die von den Medizinmännern eigenhändig mit Hilfe “manueller Stimulation” behandelt wurde, zwecks Erzeugung eines “hysterischen Paroxysmus” – heute auch bekannt unter dem Begriff Orgasmus. When Harry met Sally...

Mit der Erfindung des Vibrators erledigten sich zeitaufwendige Handlangerdienste. 1880 kam das erste motorisierte mobile Gerät auf den Markt, das sich für den dil(do)ettierenden Hausgebrauch eignete. 124 Jahre später lässt sich jedes Handy auf Knopfdruck in einen wacker vibrierenden Freudenspender verwandeln, nicht nur von Beach Boys – mindestens solange die Tastensperre eingeschaltet bleibt und der Akku nicht schlapp macht. Good vibrations...


John Wolf Brennan

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