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von 2004


 
Güdelmäntig: ein Totentanz mitten im Sommer

Ein warmer Septemberabend. Sargtoni, der Sargschreiner, hört aus der Unterwelt seltsame Töne. Greift der Tod nach ihm? Es kann nicht sein, denn Sargschreiner, das weiss er, sterben nur zur Fasnachtszeit. Da taucht aus der Unterwelt Zylindertoni auf. Er gleicht Sargtoni aufs Haar und zettelt mitten im August eine fröhliche Fasnacht an. Sargtoni wehrt sich verzweifelt, aber gegen den geheimnisvollen Zylindertoni und dessen Sommerfasnacht bleibt er machtlos. Schliesslich begreift Sargtoni, dass der mit dem Zylinder sein Tod ist. Jetzt kann er sich mit seiner Doppelrolle abfinden, setzt sich stolz den Zylinder auf und fährt in einer Fasnachtsgondel, vom maskierten Chor verabschiedet, in die andere Welt hinüber: vom Sommer direkt in den Winter.

So beschreibt Thomas Hürlimann sein Libretto zur Dialekt-Sprechoper “Güdelmäntig”, welche am nächsten Samstag 11. September (sic!) ihre Luzerner Premiere im Theater La Fourmi erleben wird. Der “wundersame Totentanz” (so Regisseur Livio Andreina) beginnt ganz verhalten, auf dem Friedhof, wo ein einsamer Sargtoni sich selber vorspielt, ab- und aufgeklärt zu sein. In seine bald jovialen, bald melancholischen, nie zynischen Ausführungen mischen sich erste, ganz leise Zwischentöne aus der Unterwelt, welche sich im Verlauf der Handlung zu ausgewachsenen Instrumental- und Chorstücken entwickeln. Quasi als Leitmotiv kommen dabei von Anfang an “Guggentöne” vor, die – zunächst kaum bemerkbar, später immer deutlicher in einer schrillen Ouver/Undertüre enden – quasi eine “Inkarnevaleskalation”.

Der innere Monolog wird zum äusseren Dialog. Das Ende ist allerdings nur ein vorläufiger Trugschluss: genau so wie Sargtoni noch lange die Existenz seines Alter Egos leugnet, schiebt er das unausweichliche Ende hinaus, bis die venezolanische Gondel ihn doch noch ein- und abholt.

Chor und Kinderchor übernehmen auch choreographische Funktionen – als ein aus Chorsäulen gebildetes, wandelndes Bühnenbild hinter der Friedhofsmauer zum Beispiel, oder als Beizenpublikum. Die Hauptfigur spricht (als Sargtoni) und manchmal singt sie auch (als Zylindertoni). Kurze Soli ergänzen die Klangfarbenpalette, ebenso die Kinderchor-Einsätze. Das Stück endet dann in der Stille – oder doch nicht ganz: plötzlich erhebt sich ein Quodlibet aus Fasnachts-, Gondola-, Beizen-, Chriesigarten- und Metamorphosenklängen – keine Hexerei, sondern der ganz normale tägliche Wahnsinn, vom Kopf auf die Füsse gestellt.

Güdelmäntig - eine Sprechoper für einen Schauspieler, Chor und Orchester. Text: Thomas Hürlimann, Musik: John Wolf
Brennan, Schauspiel: Michael Wolf, Regie: Livio Andreina, Leitung: Thomas Baldinger. Théâtre La Fourmi, Luzern.
Reservation: Kulturforum Luzern


John Wolf Brennan

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