Publikationen
von 2004


 
Nachrichten aus dem Heidiland

Heidy? Um Hymmels Wyllen? Neyn, das tönt ja mehr nach Hollywood als nach Heymat, also schloynigst retour zum Heidi. Ischt dies nicht viel bissir? Ab in die dysfunktionale Idylle. ”Auf dem Weg zum Alpöhi auf der Alp Schwarzbüel am Pizol erzählen liebevoll gestaltete Bildtafeln die tollen Abenteuer von Heidi und Geissenpeter.” So versprichts der Reiseführer, und so machen wir uns gemütlich auf den Weg. Schon von weitem sehen wir die ächten Schwiizer schaffen. Alpöhi sägt Rundhölzer auf zwei Böckli. Er trägt ein graues Wollwams, olivgrüne Filzhosen und schwarze Militärschuhe. Der Tornister steht neben dem sauber geputzten Stall.

Überm offenen Holzfeuer brodelt die Gerstensuppe im Chessi. Statt Grossbanken hat es Patrio-Tische & Bänklis, auf denen “Stammhöckli Jahrgang 1940“, “Gruss von der Kochzunft“ oder “Engstringer Bauernkapelle” eingeschnitzt ist. Alpöhi raucht, schmaucht Pfeife. Auf seiner Baseballmütze ist – logo! – “Switzerland” eingestickt. Kein Klischee fehlt, nirgends. Hier ist die Schwyz noch in Ordnung. Alpöhi kännt sich mit Ussländern uus. Mit Inline Skates, Mountainbikes, gruppendynamischen Managerteam-Biwaks und Nordic Walking haben sie längst das Heidiland erobert, weshalb der grösste Sport-Event hierzulande auch “Pizol Challenge” heisst. Da ist ein Blick auf das Alplermenü tröstlich: Urschwiizerisches wie Alpöhihörnli, Alpchäs, Kägi-Fret, Linzertorte (na ja, die Habsburger kamen ja ursprünglich aus dem Aargau), Hirschsalziz, Maienfelder, Heidiwasser.

Wir Primos (in der “Suisse primitive“, wie die Welschen die Innerschweiz nennen) hätten da einiges zu überdenken in unserem
denkfaulen Staat: souverän und mit gütiger Unterstützung von SVP und Rundschau-Rasern haben wir bei der letzten Abstimmung den Secondos und Terzos wieder mal gezeigt, wo Gott hockt, bzw. dass er den roten Pass vorderhand nicht einfach hergibt, bloss weil man in diesem Land geboren ist und Dialekt spricht – das fählti ja grad no! Dä Pass muess abverdienet sy! Keyn Asyl für erleychterte Eynbürger!

Schweizermachen ist in Heidis Namen halt ein Schaukäserei-Prozess, der erduldet werden will. Der gleichnamige Film mit Emil ist nid öppe ein Uuslaufmodell aus dem letzten Jahrhundert, sondern geltendes Recht. In diesen gefährlichen Zeiten eines vom Bosporus bis zur irischen See zusammenERwachsenden Europas erscheint die Restauration offenbar einer Mehrheit als die einzig richtige Haltung. Schon vor 40 Jahren schrieb Max Frisch: “Ein Herrenvolk sieht sich in Gefahr. Es hat Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen.“ Pech also für die Secondos & Terzos – sollen sie doch hinter die sieben Churfirsten zurück, zu den sieben Zwergen am Walensee, nach Unterterzen, Quarten, Quinten... und das Heidiländ blinzelt schön ums Sarganser Eck.


John Wolf Brennan

top | back


 

CH-6353 Weggis