Publikationen
von 2004


 
Nebel spalten und selber atmen!

Vor einigen Jahren kursierte im Humor-Magazinen “Nebelspalter” eine Karikatur: hinter einem grossen Pult sass ein mit allen Wässerchen gewaschener Therapeut, und auf seinem Büchergestell hinter ihm thronte das Buch der Bücher mit dem lapidaren Titel: “Selber atmen”.
Was damals ein mildes Witzchen war, in dem der Esoterik-Boom und der allseits grassierende Therapismus auf die Schippe genommen wurde, ist heute für viele Menschen traurige Realität. Ein ständig wachsender Teil der Bevölkerung leidet nämlich unter allergischen Erkrankungen der Atemwege, unter Athma, spastischer Bronchitis und pfeifender Atmung.

Der ursächliche Zusammenhang mit der zunehmenden Luftverschmutzung und insbesondere des Tabakkonsums ist dabei längst wissenschaftlich erhärtet. Der Tabaklobby ist es hierzulande allerdings gelungen, durch eine massive Werbekampagne (“Stopp Werbeverbote”) die Schweiz punkto Rauchprävention wieder zurück ins Mittelalter zu schiessen. Nirgends in Europa (von Kanada und Nordamerika ganz abgesehen) wird eine Mehrheit (der Nichtraucher) von einer Minderheit (der Raucher) dermassen belästigt wie in dem Land, das auf seine freiheitliche Vergangenheit so stolz ist. Im Zweifelsfall scheint die Freiheit für die Tabak- und Werbeindustrie zu gelten, nicht aber für ein ganz elementares Menschenrecht: das Recht auf Atmen, das Recht auf Gesundheit, das Recht auf saubere Luft.

In Schweizer Restaurants beispielsweise ist es bis heute sehr schwierig, einen wirklich rauchfreien Platz zu kriegen — das “Nichtraucher”-Schild hilft wenig, wenn vom Nachbartisch her die Schwaden qualmen. Und oft genug bieten die Nichtraucherabteile der SBB eine Aromatherapie der zweifelhaften Art, wobei süssliche Harzdüfte mit einer schweren Nikotin- und Teergrundierung das Herz- und Schmerzstück dieses ungebetenen Parfüms bilden. Die Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee SGV hat hier einmal mehr die Nase vorn und eine weitere Pionierrolle eingenommen, indem sie gleich das ganze Schiff zur rauchfreien Zone erklärt hat. Für Raucher, die es nicht lassen können, gibts drinnen ein Stehtischchen oder die frische Luft. Das ist aber kein Trost für die vielen Pendler, die nicht das Privileg haben, täglich mit dem Schiff zur Arbeit fahren zu können. Deshalb gibt es nur eins: auf die Hinterfüsse stehen und laut die Stimme der schweigenden Nichtrauchermehrheit erheben, auf dass sich die Schwaden endlich dorthin verziehen, wo sie scheinbar so leichtfertig toleriert wurden: ab ins Bundeshaus. Wetten, dass ein hustendes, tränendes Parlament dann plötzlich seine Meinung anders vernehmlassen würde, und im qualmenden Nebelmeer dann der Ruf nach einem Nebelspalter erschallen würde, der die Teerpartikel wegblochert und ausmerzt?


John Wolf Brennan

top | back


 

CH-6353 Weggis