Publikationen
von 2004


 

SEElenlandverwandtschaften
– eine Ode an den Vierwaldstättersee

Ein durchschnittlicher Wassertropfen braucht 3 Jahre und 3 Wochen für seine liquide Reise von FLüELEN nach LUZERN; und obwohl sie – geneigter Leser, geneigte Leserin – selber zu 73% aus H2O bestehen, können sie diesselbe Strecke in wenig mehr als 3 Stunden bewältigen. Eine Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee ist erst noch bei jedem Wetter ein überwältigendes Erlebnis, das in seiner Intenseetät mindestens 3 Tage lang nachwirken wird, gerade auch bei Nebel, Dunst, Schnee und Rauhreif, hinter dem die ganze See(len)landschaft in ein mystisch-mythisch entrücktes Parallel-Universum entschwebt, eine reizvolle Verfremdung des (oft nur scheinbar) Altbekannten in einer Vollkommenheit, von der Verpackungskünstler wie Christo nur träumen können.


Lagunaler Steckbrief: Lago mio!

Bevor man(n) sich in eine Liebesaffäre stürzt, sollten die wichtigsten Masse der Angebeten bekannt sein: sieben Arme, zwei Nasen (eine obere aus dem Vitznauer-, eine untere aus dem Bürgen-Stock ragend), ein breites Becken, das zwischen BECKENRIED und GERSAU eine schon fast philosophische Defini-Tiefe von 214 Metern erreicht, auf 434 Meter über Meer gelegen, ausgestreckt eine imposante Fläche von 114 km2 und eine Uferlänge von 129 km umarmend, mit 109 m3 mittlerer Abflussmenge der Reuss in Luzern eine bereits nicht mehr bloss latent zu nennende Inkontinenz aufweisend.


Arche Noah auf Zeit

ZEN und die Kunst, aufs Motorschiff zu warten, Dampf abzulassen (das klappt nicht nur auf den Dampfschiffen vorzüglich), die Beine zu strecken und den Kopf zu lüften: auch im tiefsten Winter kann man – eingepackt in eine warme Jacke – nach draussen gehen, über die Grenzlinien zwischen Himmel und Erde, Erde und Wasser sinnieren, wie der feste Boden unter den Füssen wenigstens temporär mit einem schwimmenden, beweglichen Standpunkt einzutau(s)chen wäre, in gelassener Heiterkeit vom Bug zum Heck und zurück spazieren, die Aussicht auf dem Oberdeck geniessen, mit den Möwen und Schiffshörnern um die Wette heulen und kreischen, einen sehnsüchtigen Blick auf die Kapitänskajüte zu werfen, die eleganten Anlegemanöver und Seilwurftricks der (auch weiblichen) Mannschaft mitverfolgen, dem Stillstand der Zeit im Nebel nachlauschen. Das Schiff ist eine schwimmende Insel, eine kleine überschaubare Welt, eine zufällig zusammengewürfelte Nation auf hoher See, eine Arche Noah auf Zeit.


Schifffischen, Fischschiffe

Im Gegensatz zum Auto, in dem man eingeklemmt ist wie in einer heimeligen Sardinenbüchse, und den chronisch überfüllten Zugsabteilen, wo es auch im Nichtraucherbereich meist nach süsslichem Gras riecht und jede Minute jemand aufgeregt am Natel berichtet, wo er sich gerade befindet, herrscht hier Ruhe: die grosse Freiheit, zu gehen oder sich gehen zu lassen, den schon längst gekauften Mankell-Krimi endlich zu lesen, bei Kaffee und Kuchen die Krümel zu zählen, die Anleitung zur neuesten japanischen Digitalkamera endlich mal einem gründlichen Studium und die fleckige Sonnenbrille einer pedantischen Reinigung zu unterziehen, Sonnencremeschutzfaktoren zu vergleichen, den überproportionalen Zunahme der Petflaschen in ihren Rucksack-Netzfächern oder den Geheimnissen der neuesten Tattoos und Piercings auf die Spur zu kommen, in Gedanken Fische zu verschiffen oder einfach mit den Augen nach anderen Schiffen zu fischen, ganz ohne Patent, Angel und Rute.


Capo di Lago: Ursee.le

Blick zurück, vorbei an der verlassenen Sprengstofffabrik im gut abisolierten Isleten, dem leicht melancholischen Gefühl nachtrauernd, hier endlich am Ende der Welt gelandet zu sein. Vorbei an den verblüffend aufgetürmten, tollkühn aufgeworfenen gekurvten Felsschichten des Fronalpstockmassivs am wilden Urnersee, der nicht nur bei Föhnsturm seinem Urnamen alle Ehre einlegt, vorbei an dem schillernden Obelisken aus Obelixens Hinkelstein-Depot, die goldenen Lettern zum Schillersteinerweichen in der Abendsonne glänzend, den Blick bergauf gerichtet zu den bald bedrohlich, bald beruhigend blinkenden Horizontlinien, unterbrochen von den Interpunktionszeichen der “Land Art”, von einsamen Kapellen und Kreuzen, solitären Baumkronen auf Kreten, Seilbahnen in Krachen und Hochspannungsleitungen über gähnende Abgründe gespannt, in der Abendsonne hell beschienen oder im scharf ausgestanzten schwarzen Scherenschnitt des Gegenlichts irisierend.


Die treibende Kraft der Lichtfinger

Die Strahlenorgel der Sonne breitet ihre langen Lichtfinger über Kuppen und Kimmen, Sattel und Grate, Rücken und Balme aus, erleuchtet die gegenüber stehenden Felsfassaden und schiebt die Nebelkrone vor sich her, die Silhouette einem ständigen Wandel unterziehend: die einzige Konstante ist die ewige Variation. Weiter geht die schäumende Fahrt mit dem Cantus Firmus des tuckernden Dieselmotorenratterns, vorbei an der schynigen TELLSPLATTE mit dem heimeligen Wasserbeizli am Weg der Schweiz, der nahe am Ufer über Stock und Stein verläuft und trotz allerlei obrigkeitlicher Belehrungen angenehm leer bleibt, mit TREIBender Kraft voraus, das Panorama der majestätischen Mythen im Blickfeld und die breitschultrige Pyramide des Uri-Rotstocks im Rücken, vorbei am schroffen Felskopf der Rigi-Hochfluh mit seinem langen dunkelgrünen Waldbart, der wie ein dichter Moosteppich zum BRUNNEN hinunter fällt – auch ohne RüTLIschwur und aufBAUENdes Zwyssigmorgenrot ist für lokalpatriotische Erhebung gesorgt.

Einmal in Bewegung, kann man die beschwingte See-le nicht nur auf dem SEELISBERG, sondern auf dem ganzen See baumeln lassen. Der Ruf der Alpen findet in den steilen Felswänden des Urnersees sein hundertfaches Echo; in Stein gehauene Klänge, gefangene Töne, geborgene, verborgene und verbogene Lieder, fossile Melodiefetzen, versteinerte Engelsstimmen, tiefgefrorene Sinfonien, Felsen im tiefen Abendrot, deep purple in rock. Die Berge singen ihr Lied, und dieses Melos Montis ist hier ganz klar zu hören, wenn man die Ohrmuschel zu ihrem Ursprung führt.


A Zoom with a View

“Negschtschtopproschenarenäxtrhaltweggisweg-gis. Beimauschteigenbittebillette
vorweisenpresantewobiliealasortischoyurtikketswenyugoäteländing!”
Der Weg war das Ziel. Festland in Sicht! Angekommen und in schäumender Gischt angelegt, kommt einem Mani Matters Lied vo de Bahnhöf in den Sinn, “wo de Zug gäng scho abgfahren isch, oder nonid isch cho...”

Wo verläuft die Grenze zwischen Illusion und Realität? Die Schifflände als Mysterium, als Spiegelung der paradoxen Natur des Lichts, teils Welle, teils Partikel; als geheimnisvolle Utopie — kein Ort, nirgends — zwischen Land und See; zwar noch nicht (über)flüssiger, aber auch nicht mehr ganz fester Boden unter den Füssen, in Aequidistanz zu Mutter Erde und Vater Wasser. Und wenn das dicke Dampfschiff schnaubend und stampfend den Steg verlässt, verschiebt sich die Station in die Gegenrichtung und schwimmt davon, Einsteins abstrakte Relativitättheorie auf stupende Art veranschaulichend. Aktion gleich Reaktion.

Die Schifflände legt ab, der Boden unter den Füssen wankt, das Schiff schwankt, der See ruht, die Seele singt. Woher weht der Wind? Station ahoi – WEGG-IS!

John Wolf Brennan

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CH-6353 Weggis