Publikationen
von 2004


 
Römische Geschichten

Auch in der ewigen Stadt beginnt ein richtiger Tag an der Stehbar. Der scharfe Espressogeruch, das Röcheln der Maschine beim Auslaufen des ölig-zähflüssigen Kaffees, das Aufschäumen der Milch für den caffèlatte, das leise Geklirr der Tassen zeigt an, dass die Welt in Ordnung ist und la dolce vita – ein Zuckerschlecken! – den Gaumen kitzelt. Hotels sind auf Frühstück nicht eingerichtet, das “Breakfast Buffet” bleibt eine schlecht getarnte Alibiübung. Am besten geht man daher in die nächste Bar. Das ist billiger, der cappuccino oder macchiatto schmeckt besser, die cornetti con crema und fagottini con ciocollata sind nicht ganz so klebrig süss, und man erlebt erst noch eine kurzweilige Filmszene nach der anderen. Hier hat sich eine Snackbar-Kultur entwickelt, die meilenweit vom amerikanischen Fastfood entfernt ist und eine kulinarisch aufregende Vielfalt von tramezzini, medaglioni, panini, pizzette und tortini anbietet. Dazu trinkt man ein Glas Wein, Mineralwasser und – überall frisch zubereitet – eine spremuta d‘arancia. “Ueber d‘Gass” auf ingeniöse Römer Art: Alufolie aufs heisse Espressoglas, und der Kaffee schmeckt auch noch im fünften Stock des Bürohochhauses nebenan nicht nach Styropor und Plastik.

Solchermassen gestärkt, kann es getrost auf Stadterkundung gehen. In Rom sind sogar die Grashalme historisch! Es empfiehlt sich, zuerst einmal in den grosszügig angelegten Villa Borghese-Park zu laufen, und sich dort mit dem Heissluftballon auf die luftige Höhe von 150 Metern tragen zu lassen, um sich einen Ueberblick über die grandiosen Ausmasse Roms zu verschaffen. Der Piazza del Popolo und die spanische Treppe mit dem berühmten Fontana di Trevi (Fellinis Dolce Vita) sind nur einige Gehminuten entfernt. Gutes Schuhwerk ist allerdings für eine weitere Erkundigung auf dem kilometerlangen Pflastersteinparcours unabdingbar: es gibt nur zwei Metro-Linien, welche die Altstadt grossräumig umfahren, und die meist vollgepferchten öffentlichen Busse funktionieren nach einem so chaotischen Fahrplan, dass Schusters Rappen einem schneller und lockerer ans Ziel bringen. Ausserdem parkieren die Römer ihr Lieblingsspielzeug – la macchina – an allen möglichen und unmöglichen Orten, also auch auf Fussgängerstreifen und Trottoirs, sodass man nicht selten über Kotflügel und Stossstangen steigen muss. Je kleiner, desto lieber: Rom hat die wohl grösste Smart- und Mini-Dichte, welche die alten Cinquecentos und Vespa-Dreiräder verdrängt haben. Velos sind relativ selten, hingegen pfurren alle möglichen Scooters, Mopeds und Mofas um die Wette. Ein alltäglicher Circus maximus – wie im alten Schweizergardisten-Witz aus dem Vatikan: was heisst urbi et orbi auf Schwyzertütsch? Nützts nüt, so schadts nüt..


John Wolf Brennan

top | back


 

CH-6353 Weggis