Publikationen
von 2004


 
Urinstinkt

Ein Ständerat an die Männer

Ausnahmsweise – liebe Leserinnen – richtet sich diese Kolumne vorwiegend an den männlichen Teil der Leserschaft . Genauer gesagt: an den aufrecht stehenden. Die Damen sind also höflich gebeten, über den ersten Abschnitt dieses Toiletten-Artikels diskret hinwegzusehen. Es geht nämlich um ein eminent maskulines Geschäft, das mehrmals täglich – meist im Stehen – erledigt wird. Kurz: die Herren der Schöpfung nehmen sich einmal mehr mit Vorteil unsere souveränen Politiker im Parlament zum Vorbild. Auch eine Ständeratsitzung erfolgt nämlich meist sitzend, der dort gefasste Beschluss passiert abschliessend das Ständemeer (welches, wie wir wissen, rund 70% des Globus bedeckt) und wird dann, wie jedes ordentliche Geschäft, verabschiedet.

Genau dieses bedächtige Prozedere ist nun auf dem häuslichen Thron gefordert, der über dem hygienisch-hydrologischen Zugang zu den Weltmeeren in jedem Haus installiert ist, sofern es sich nicht gerade um ein Plumpsklo in einem Tessiner Rustico oder das schlingernde Zugs-WC in einem Pendolino handelt, und zwar nicht nur für längere, stuhlgängig klorollend comixlesend begleitete Sitzungen, sondern auch für die kurzen, sozusagen liquiden Geschäfte. Was bei unseren höhlenbewohnenden Vorfahren noch sinnvoll war, der genetisch vererbte Urinstinkt zum Fluchtreflex und zur Territoriumsmarkierung, ist in der modernen Welt (mit Ausnahme des Pissoirs, diesem Hort archaischer Rituale) obsolet geworden. Der Titel dieser Kolumne lässt sich auch auf der dritten Silbe betonen.

Es sind längst nicht nur ein paar verstreute Feministinnen, die vom starken Geschlecht dieses kleine Opfer einklagen. Das Thema ist mehrheitsfähig geworden: Frauen fordern das Ende der Stehpinklerei! Aus dieser Not heraus hat sich in Bern ein Schüsselverein konstituiert (VBS – Verein bärenstarker Sitzpinkler). Gerade für stramm gesinnte Eidgenossen sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die Brille runter und ihre Poebene drauf zu legen. Und wenn mann es immer noch nicht glauben kann: ein einfacher Selbstversuch überzeugt selbst den standhaftesten Stehpinkler davon, sein Geschäft im Sitzen zu erledigen. Wenn nämlich durch die Einnahme eines harmlosen Farbstoffes (Phenolphthalein, erhältlich in jeder Apotheke) der Urin verfärbt wird, wird die signifikante Korrelation zwischen Tröpfchenstreuverlust und Harnstrahllänge evident. Und wer putzt hinterher? Eben...

So, liebe Leserinnen, spätestens jetzt dürfen Sie wieder hingucken – der folgende Tipp zur anregenden Lektüre gilt ebenso für sie. Ein zutiefst menschliches Bedürfnis und wie man sich seiner entledigt(e) – von der Antike bis in die Gegenwart. Das ist das Thema eines spannenden Buches. Der Autor fragt darin, wie die Notdurft in verschiedenen Epochen verrichtet wurde, wie es um die Hygiene, den technischen Fortschritt, die Ökonomie und Ökologie und die sozialen Unterschiede der “Thronfolger” steht.

(Daniel Furrer: Wasserthron und Donnerbalken. Eine kleine Kulturgeschichte des stillen Örtchens. Primus Verlag 2004


John Wolf Brennan

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