Publikationen
von 2005


 
Cortona: Ein Stein in der Toskana

Vor 100 Jahren entdeckte ein Berner Patentamtangestellter die spezielle Relativitätstheorie – (k)ein Stein des damaligen Wissenschaftsgebäudes blieb auf dem anderen. Vor 20 Jahren entdeckte das Zürcher Polytechnikum – die ehrwürdige Eidgenössische Technische Hochschule – ihre ganz spezielle Relativitätspraxis in der Toskana. Das ehemalige Kloster “Oasi“, (nomen est omen!) von Padre Angelo geleitet (ora et labora) und mit einem langen Refektorium, zwei Kapellen und der klostereigenen Grappadistillerie gesegnet, war 1985 zum ersten Mal Begegnungsort einer Seminarwoche, die unter dem – damals durchaus revolutionären – Motto “Naturwissenschaft und die Ganzheit des Lebens“ Geschichte schreiben sollte.

In der zweiten Septemberwoche versammelten sich auch dieses Jahr wieder 150 Wissenschaftler und Künstler, Studierende und Professoren, Lehrende und Lernende, Novizen und Doktorierende, Referenten und Workshopleitern aus aller Welt im inzwischen zum Hotel umfunktionierten “Oasi“. Der Klostergarten mit der atemberaubenden Aussicht auf die fein abgestufte Landschaft, am Horizont die sanft geschwungene Kuppe des Monte Amiata, der bei den Etruskern als heiliger Berg galt; die vorzügliche toskanische Küche und die Tatsache, dass sämtliche Teilnehmer sich für die ganze Woche verpflichten, also auch Tage nach dem Vortrag sich noch Gelegenheit für kritische Fragen an die Referenten bietet – diese Rahmenbedingungen machten Cortona von Anfang an zu einem einzigartigen Seminar, zu einer “Akademie“ im ursprünglich griechischen Sinn: ein Ort des Dialogs, des Austauschs der “gelehrten“ und der “lernenden” Gesellschaft. Die eine kann ohne die andere nicht sein. “Wer nichts als die Chemie versteht, versteht auch die nicht recht” – dieser nur scheinbar paradoxe Aphorismus von Lichtenberg stand am Anfang der Idee, die Spaltung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften wenigstens einmal im Ausbildungsgang der Studierenden zu überbrücken.

1985 initiert von Professor Pier Luigi Luisi und die ersten Jahre grosszügig unterstützt vom Unternehmer und Mäzen Branco Weiss, hat sich diese Seminarwoche auch ausserhalb der rein akademischen Zirkel einen klingenden Namen erarbeitet. Sie ist global vernetzt: die Herkunft der Teilnehmer (Schweiz, USA, China, Indien, Kuba, Iran, Vietnam, Taiwan, Kanada, Israel, Palästina, Japan, Argentinien, Chile, Guinea Bissau, Europa) ist so divers wie die abgehandelten Themen (global – local, Mind Matters, Curiosity & Creativity, sciencEmotions, Metamorphose, Grenzen, Mythos und Wissenschaft). Unter den Dozenten finden sich Nobelpreisträger und illustre Namen wie Francisco Varela, David Steindl-Rast, Renuka Singh, Reinhard Nesper, Rupert Sheldrake, Hazel Henderson, Hans-Peter Dürr, Ingrid Riedel, Herbert Pietschmann, Hans Peter Fischer, Christiane Thürmer-Rohr, Weiming Tu, Alexander Lowen, Adolf Muschg, Iso Camartin sowie LSD-Erfinder Albert Hofmann.

Seit 20 Jahren steht der Name “Cortona“ nicht mehr nur für eine zauberhafte, hoch über dem Chianatal thronende Etruskerstadt, sondern für eine Pionierleistung der ETH Zürich: Ein Stein. Auf dem andern.

Website www.cortona.ch

John Wolf Brennan

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