Publikationen
von 2005


 
Olympische Hooligans

Das Aufgebot war immens: 80‘000 Polizisten, die der Brutalität der verfeindeten Zuschauer bei der Fussball-EM 2000 in Holland und Belgien Einhalt gebieten sollten. Käfige für Fans, die im Stadion allzu enthusiastisch ihre Stars anfeuerten, Videoüberwachung, Ein- und Ausreiseverbote von einschlägig bekannten Vandalen. All dies gehört seit den 1980er-Jahren zum Alltag sportlicher Grossveranstaltungen. Doch ist Gewalt bei sportlichen Auseinandersetzungen auf Zuschauerrängen als Phänomen der modernen Informations- und Industriegesellschaft zu sehen? Verwandelte erst das 20.Jahrhundert den Massensport in ein Ventil für aufgestaute Frustrationen gesellschaftlicher Randgruppen?

Keineswegs – Ausschreitungen sind so alt wie der Sport selbst. Bereits im antiken Athen und im alten Rom gebärdeten sich die Zuschauer angesichts der kämpfenden Gladiatoren, Diskus werfenden Athleten und flitzenden Wagenrennen wie moderne Hooligans. Sie sind auch keine irische Erfindung, obwohl die Bezeichnung auf Michael Hooligan – als Krimineller 1898 in London erhängt – zurückgeht. Gröhlende Gewaltbereitschaft braucht das Tarnnetz und die Anonymität der Masse, um sich zur kollektiven Hysterie aufzuschaukeln – dies hat Elias Canetti in seinem grundlegenden Werk “Masse und Macht“ eindrücklich nachgewiesen.

Geradezu kosmodämonisch massig waren schon die antiken Dimensionen: der römische Circus Maximus verfügte über 200‘000 Sitzplätze, und die Stadien von Olympia und Nemea boten Platz für 50‘000 Zuschauer. Dass diese Ränge auch problemlos gefüllt werden konnten, darüber geben die Dichter Auskunft. Dabei soll das Publikum nicht nur dem Anblick sportlicher Leistungen gefrönt haben. Denn je brutaler und spektakulärer der Wettkampf verlief, desto grösser die Sensationsgier.. So berichtet Homer davon, wie sich die Zuschauer angesichts des blutigen Boxkampfes zwischen Odysseus und Iros “vor Lachen bogen”. Vorher hatten sie sich per Eid verpflichten müssen, selbst nicht in das Geschehen einzugreifen. Oder man liest von römischen Theaterbesuchern, die spontan eine Aufführung verliessen, um sich an einem blutrünstigen Gladiatorenkampf zu erfreuen und ihre Favoriten mit Zurufen wie “töte! - peitsche!
- brenne!” anzufeuern. Und im Amphitheater von Pompeji sollen sich die Fans – passend zu den jeweiligen Vereinsfarben – grün und blau geprügelt haben. Diese antiken Berichte evozieren Bilder der Strassenschlachten und blinden Vandalenakte der Fussball-WM 1998, als deutsche Hooligans einen Polizisten ins Koma prügelten.

Auch wenn wir Männer das nicht gerne hören: Randalierer sind meist maskulinen Geschlechts. Wenigstens dürfen Frauen heute die olympischen Wettkämpfe von den Tribünen aus beobachten. Vor 2000 Jahren drohte ihnen dafür noch die Todesstrafe


John Wolf Brennan

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