Publikationen
von 2005


 
Jesus Christ‘s Superstar

“Millionen nehmen Abschied“, “Umjubelt wie ein Popstar“, “Rom erwartet den grössten Ansturm aller Zeiten“, “Acht Tage Staatstrauer in Brasilien“, “Rom im Ausnahmezustand“ – an Mega-Schlagzeilen zum Tod des höchsten Hirten auf Erden herrschte in den letzten Wochen wahrlich kein Mangel. Noch wirken die vatikanischen Erschütterungen nach. Seit der Ermordung von John F. Kennedy hat kein Tod eines einzelnen Menschen (was Karol Wojtyla trotz allem klerikalen Pomp ja auch war) ein derartiges Echo ausgelöst – globalisierte Trauerarbeit, kunstvoll orchestriert.

Der omnipräsente Satz “In Windeseile ging die Nachricht um die Welt“ verwendet eine Metapher, die längst obsolet geworden ist. Elektronen reisen nicht mit dem Wind, sondern mit Lichtgeschwindigkeit rund um den Globus. Der Petersplatz als Kulisse, Michelangelos gewaltige Kuppel als Leichenhalle, Schweizergardisten in Galauniform, kirchliche und weltliche Würdenträger aus aller Welt – eine reality show der Superlative. Die Massenmedien überschlugen sich mit Einschaltsendungen und Sonderbeilagen. Auch hierzulande wurde das lange Sterben des Pontifex in allen Details medial begleitet. “Nicht nur in der ganzen Welt, sondern auch in der Schweiz trauern die Menschen um den Papst (O-Ton Radio DRS1 am 3.4.05 in den 7-Uhr-Nachrichten) – ein Satz, den man in seiner ganzen Tragweite erst
begreift, wenn man ihn auf der Zunge zergehen lässt...

Dennoch: viele Tränen waren echt. Weit über die konfessionellen Grenzen hinaus war Johannes Paul II. zu einem Symbol der Kraft des Geistes geworden, zu einem gelegentlich auch unbequemen Mahner und Verkünder der christlichen Botschaft. Als erster “Medienpapst“ der Geschichte (zu dem ihn ja erst die Medien selbst machten, in perfekt abgestimmter Synergie) hat er sich auf seinen zahlreichen Reisen (allein den südamerikanischen Kontinent besuchte er 18 Mal in 26 Jahren) immer wieder energisch für den Frieden und – angesichts der Militärdiktaturen keineswegs selbstverständlich – für Menschenrechte und Demokratie eingesetzt. Er wusste dabei vor allem auch die Jugend zu begeistern. Nach aussen hin war er ein Superstar, Publikumsmagnet, Bestsellerautor und sogar Chartstürmer – letzteres mit
eigener CD.

Es war also nur folgerichtig, dass auch sein Sterben – quasi in Umkehrung des Orwell‘schen Begriffes von “Big Brother is watching you“ – auf allen Kanälen um die Welt ging. Statt den Boden zu küssen, blickte uns sein einbalsamiertes Antlitz, eingerahmt von blutrotem Messgewand und weisser Tiara, zum Abschied aus dem Jenseits zu, als Fanal für die Vergänglichkeit alles Lebendigen. Sein Nachfolger wird es nicht leicht haben, diese Popularität mit den dringend nötigen Reformen – Zölibat, Priesterweihe für Frauen, Empfängnisverhütung, Oekumene, um nur die drängendsten Fragen zu nennen – unter eine Bischofsmütze zu bringen.

John Wolf Brennan

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