Publikationen
von 2005


 
Stud enten futter

Wer bei diesem Titel gleich an rauchende Köpfe denkt, die in stillen Studierstuben über dickleibige Bücher gebeugt an ausgeklügelten Seminararbeiten über Goethes “Faust“ hirnen und zum x-ten Mal den Bleistift spitzen oder im Internet nach passenden Stichwortquellen googlen, etwa zur Frage, ob denn der hintertrieben schlaue Mephisto im “Prolog im Himmel“ mit dem Zikadengleichnis nicht doch einen Bogen zur platonischen Höhlenparabel spannt, oder ob dem vor lauter faustischem Sehnen ohnmächtig werden zu drohenden Gretchen (“Nachbarin, Euer Fläschchen!“) das Riechsalz vorenthalten wird, oder wieviel Bier denn in Auerbachs Keller in Leipzig (“Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen”) wirklich schon geflossen war, bevor der liebeskranke Doktor Faustus sich mit Luzifer auf den teuflischen Pakt einlässt – wer also vor lauter nie entsorgtem Bildungsschutt gleich an Metaphern und Ellipsen denkt, liegt falsch: “Es irrt der Mensch, solang er strebt.”

Das heisst – so falsch auch wieder nicht. Hier gehts nämlich um das, was der Hirnarbeit (“Zwar weiss ich viel, doch möcht‘ ich alles wissen“) meist vorausgeht, auch wenn allerlei populäre Mythen das Gegenteil behaupten (“Ein voller Bauch studiert nicht gern“): eine pflegeleichte, handliche Marsch-Verpflegung für unterwegs. Der Klassiker unter den mobilen Appetitzüglern ist – trotz Konkurrenz von Schokoriegel & Co. – ein Bestseller und trägt stolz diesen humanistisch geprägten Titel, während die französische Bezeichnung “Mélange randonnée” Lust auf die dazugehörigen Wanderabenteuer weckt. Das italienische “Miscela di frutta secca e noci“ hingegen lässt für einmal alle romantisch-melodramatische Poesie vergessen und greift stattdessen auf einen strukturalistisch-spröden Index zurück.

Wie in wissenschaftlichen Seminararbeiten kommt es aber beim Rezept in erster Linie auf die “Ingredienti” an – auf deutsch ernüchternd “Zutaten“genannt. Immerhin stammen diese aus vier Kontinenten; Asien, Südafrika, Europa und Amerika, und in einigen klingen süsse Erinnerungen an die letzten Ferien (Pinienkerne, Mandeln, Cashew- und Pecannüsse) oder die Märchen aus 1001 Nacht nach. Das kernlose Kernstück der Mischung bilden jedoch zweifellos die Sultaninen. Sie schlagen via den arabischen Begriff “Sultán“ (islamischer Herrscher) und den “West-östlichen Diwan” wieder den Bogen zu Geheimrat und Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, der ja auch ein rechter Wandervogel war (“Das Ewig- Weibliche zieht uns hinan“), oder lösen gar Assoziationen an Bagdad, die Ölscheichtümer, die Auswirkung des Oelpreises auf die globalisierte Weltwirtschaft und Samuel Huntingtons “Clash of Civilisations“ aus. Also doch erstklassige Nahrung fürs Gehirn – und all das in einer odinären Plastiktüte, die gerade mal 200 Gramm wiegt. “Das also war des Pudels Kern! Der Kasus macht mich lachen.”

John Wolf Brennan

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