Publikationen
von 2005


 

“E Männerchor us mir alei,
es cheibe gspässigs Gfüel,
es metaphysischs Grusle het mi
packt im Coiffeurgstüel...”

What‘ s the Matter?

Zürich hat seinen Ulrich Zwingli, Genf seinen Jean Calvin. Unsere kleine Bundeshauptstadt hat es vorgezogen, die Reformation (wie sovieles) zu verschlafen und stattdessen genialen Geistern wie Albert Einstein, Paul Klee, Meret Oppenheim, Robert Walser und Walter Benjamin eine temporäre Heimat zu bieten. Darunter war auch ein Rechtsanwalt, der als Berner Troubadour auf den Spuren von George Brassens zum grössten Reformator des Mundartliedes wurde, zum schweizerischen
Bob Dylan.

Hans Peter Matter wuchs in Bern auf, wo er später an der Universität Rechtswissenschaft studierte. Im Alter von siebzehn Jahren begann er, erste berndeutsche Chansons zu schreiben und zur Gitarre vorzutragen. Er trat damit am Radio und in zahlreichen Kleintheatern der Schweiz auf. Von Anfang an war er ein unglaublich talentierter “Värslischmied“, arbeitete aber auch wie besessen an seinen Reimen, die zur Folklore werden sollten (“Heydi, mier wey di beydi“; “Allah – gfalla – fall la“). Hauptberuflich war er Rechtskonsulent des Gemeinderates der Stadt Bern. Diesen Beruf gab er auch dann nicht auf, als er von der Musik alleine wohl hätte leben können. An einem Novembertag 1972 kam er auf der Heimfahrt von einem Konzert in Rapperswil bei einem Verkehrsunfall im Schneetreiben ums Leben, mitten in der Arbeit zu seinem Theaterstück "Kriminalgschicht". Zu seinen bekanntesten Chansons gehören "Bim Coiffeur", "Arabisch", "Ds Portmonee", “Dynamit“ und
" Ds Zündhölzli“. Ende der 80er Jahre hat ihn die Berner Mundartrockszene (Züri West & Co.) wiederentdeckt, worauf 1992 die CD “Matterrock“ mit
Neuaufnahmen seiner Chansons durch verschiedene Schweizer Musiker erschien.

Herausragende Cover-Versionen gelangen Stephan Eicher mit “Hemmige“, dessen Refrain Tausende von französischen Fans im Pariser “Olympia“ laut uf bärntütsch (!) mitsangen – ein Kunststück, das ihm wohl keiner so schnell nachmacht, Dodo Hug mit dem “Lied vo de Bahnhöf“ und Polo Hofer mit “Warum syt dir so truurig?”. In die illustre Reihe der Matterbesteiger reiht sich nun auch “Kassensturz”-Redaktor Ueli Schmezer, der den preziosen Miniaturen mit hellem Timbre, Swinggitarren und erdigem Kontrabass à la “Hot Club de France” gehörig einzuheizen weiss. So fliegt “Ds Nünitram” auf luftigen “Tangofüssen davon...Aber wie bei Bob Dylan und den Beatles: keine noch so raffinierte Bearbeitung erreicht die lakonische Schärfe, die melancholische Poesie und die zeitlose Eleganz des Originals. Mani Matters Chansons verbinden leise Ironie mit derbem Witz, aber auch durchaus mit politischen und sozialen Forderungen. Sprengsätze, verpackt in einschmeichelnde Melodien, die zum Volksliedgut geworden sind – that‘s the matter!

John Wolf Brennan

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