Publikationen
von 2006


 
Leerende, Lernende und Lehr-Ende – eine pädagogische Polemik

Alles begann mal so einfach und übersichtlich wie das 1x1 und das ABC in der 1.Klasse: vorne steht oder sitzt eine Lehrerin oder ein Lehrer, hinten sitzt die Schülerschar. Man hörte sich zu. Viel zu simpel für die neun mal klügeren Bildungsreformer und Anhänger der New Economy: sie haben ihren ganzen terminologischen Ehrgeiz und die von der Regierung abgesegneten Resourcen in den Image- und Datentransfer geworfen – von der Autozulieferindustrie direkt ins Klassenzimmer. Zudem dürfen wir uns an der Rechtschreib-ReReReReform und an herrlichen Neologismen unserer Standardsprache erfreuen.

Vom Vor- zum Leitbild

Heute dürfen wir uns glücklich “Lehrende”, “Lernende” und ”Studierende“ schimpfen, das herkömmlich überholte Budget ist zum “Globalbudget” hypertrophiert, die kommune Unterrichtsvorbereitung zur Qualitätssicherung nach DIN-Norm diversifiziert, der Steinzeitbegriff “Eltern“ aus dem letzten Jahrtausend  zu Lebensabschnittspartnerschaften (LAPTOPS), Erziehungsberechtigten oder gar Erziehungsverpflichteten expandiert. Ehemals lebendige Vorbilder wurden zu gestylt-virtuellen Leitbildern schablon- und schubladisiert, die Köpfe wurden zu paritätisch ausgewogenen,  konsequent konsens- und kommissionsfähigen Killerquoten modifiziert und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zensuriert – mit perfekt therapierten Hemisphären, ohne Kollateralschäden, just in time, lean gemanagt. Der primitiven Primarschule der Antike (also vor 1995) wurde endlich ein PROFIL verpasst, und das dazu notwendige Consulting-, Konzeptions- und Koordinations-Personal muss ja – einmal eingestellt – auch munter weiter beschäftigt werden. Nachdem nun zehn Jahre lang mit grossem Erfolg die (Re-)Form über die Inhalte gestülpt wurde, geht die Evolution ab 2006 noch einen kühnen Schritt weiter: In der “Schule mit Zukunft“ darf es um – äh – die INHALTE gehen.

Vom Profi-L zu Kunf-T

Der kommende Blockunterricht wird auch noch die letzten nostalgisch-altmodischen Restbestände an individuellen, auf kindliche Bedürfnisse hin massgeschneiderten Unterricht wegrationalisieren. Das sinnstiftende Gemeinschaftserlebnis, das nur mit einer Lehrerin (!)  oder einem Lehrer (!) als direkte Bezugsperson in geduldiger Pflege gedeihen kann, bleibt samt Klassengeist auf der Strecke: Fort-Schritte, wohin man blickt. Der Stundenplan wird flächendeckend partikulairisiert. Dafür sind wir als Human Resources endlich Pisa- und Bolognakompatibel geworden. Nieder mit den Alpen, endlich freie Sicht aufs Mittelmeer, juhui! Und plötzlich diese Ueber-Sicht! Es lebe das papierlose Büro! Aber der Schreibtisch bleibt nicht lange frei. Papier ist geduldig, und hier wird es nicht angezündet, sondern vollgeschrieben, Seite um Seite.

Pyromantisch-büromanische Partogenese

Infolgedessen wird es am Nachschub von dickleibigen Berichten mit zahllosen, zahnlosen Statistiken nicht mangeln. Kein Reförmchen der Reform der Reform, kein Seitenschauplatz, kein Thema ist unbedeutend genug, um nicht in Hochglanz verpackt und mit Tortendiagrammen verwurstet zu werden, bis hin zur signifikant höheren Sozialkompetenz von Luftbefeuchtern – schliesslich ist dies für jedes Amt die ultimative Daseinsberechtigung, die Legitimierung des Dienst-Leistungslohns, der (v)erklärende und weiterführende Grund der Existenz. Aemter zaubern sich gerne – lässig, aber zuverlässig – selber aus dem Hut, ziehen sich wie weiland der Baron von Münchhausen permanent am eigenen Schopf aus dem Sumpf, verschaffen sich so die Arbeit gleich selber und funktionieren wie unsere Computer, indem sie mit akribischer Ausdauer auf akkurate Art lauter Probleme lösen, die es ohne sie gar nicht gäbe.  Alles ist messbar geworden – Digit-Allah sei dank!

Ein paar altmodische Bergtäler mit unverbauten Bachbetten werden uns allerdings möglicherweise fehlen. Schade, dass die Restwassermenge des träfen Werbeslogan “Alles wird besser – Valser bleibt gut” bei den 26 föderalistisch verzettelten, unverzagt individuell zuständigen Erziehungsdepartementen reihenweise ins Blöterliwasser des New Public Management gefallen zu sein scheint. Vielleicht sind es ja nicht nur die Schülerinnen und Schüler, die in die Lehre gehen müssten, um das verheerende Lehr-Ende nochmals abzuwenden. Schliesslich sind Köpfe rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Leer? Gang!

John Wolf Brennan

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