Publikationen
von 2006


 
Wassermalen im Haus am See

Am Morgen erwacht man durch seltsame Geräusche, die sich – kaum der Traum-Treppe entstiegen – zunächst nicht einordnen lassen. Erst später entpuppen sie sich als ein subkutan vorhandenes, aber durch das Dauerdröhnen des Zivilisationslärms schon fast verlerntes auditives Vokabular: die Sprache des Sees. Wellenschläge des Wassers, Flügelschläge der Seevögel,  Dutzende, später Hunderte von Enten, Blässhühnern und Haubentauchern. Ein fast monochromes Bild von Jackson Pollock, dass sich am Horizont in der Unendlichkeit des Nebels verliert: Schwarze Flecken auf grüngrau gekräuseltem Grund, in der Mitte ein einsamer weisser Schwan. Interpunktiert wird diese selbstlautende Stille durch die gluckenden Seufzermotive der Blässhühner und den rasenden Stillstand der synkopisch dazu ab- und aufwippenden Haubentaucher. Unwillkürlich hält man selbst den Atem an, wenn sie scheinbar viel zu lange unten bleiben, um dann unversehens an einer ganz anderen Stelle wieder aufzutauchen. Ein kurzweiliges Ratespiel, bei dem man fast nur verlieren kann. Dafür kann man die Kreise zu zählen versuchen, die sich von jedem untergetauchten Kopf ausbreiten, zunächst in exakt geometrisch konzentrischen Ringen, dann zunehmend chaotisch, in komplexen Wellenformen aufgehend – strange attractors der horizontalen Art, Licht als Welle und Partikel zugleich.

Neue schwarze Flecken fallen vom Firmament und hinterlassen sekundenlang eine trapezförmige Gischtschleppe auf ihrer Landebahn. Ihre perfekten Flugformationen lassen jeden Kunstflugpiloten vor Neid erblassen. Inzwischen hat sich das Pollockbild schon tausendmal permutiert, variiert, expandiert. Nur der weisse Schwan thront immer noch in der Mitte und zeigt dem Himmel sein Hinterteil.
Im weitläufigen Park der Villa Krämerstein steht, direkt am Ufer des Vierwaldstättersees, ein charmanter Riegelbau aus dem 18. Jahrhundert. Einst landwirtschaftliches Nebengebäude und Gesindewohnung, dient es heute als Künstlerhaus. Die Gemeinde Horw, der die Liegenschaft Krämerstein seit gut 20 Jahren gehört, liess das Haus 1990 sorgfältig restaurieren und übergab es einer Stiftung. An der Schnittstelle von fest und fliessend kann einem wirklich und wirksam das oberflächliche Hören und Sehen vergehen. Konzentrische KonZENtration. Wellentäler, Wellenberge – eine temporale Topographie ephemerer Liquidität. Das Flüssige und das Überflüssige, Werden und Vergehen, das Sein und das Nichts: hier lässt es sich hervorragend träumen. Auch ein See lässt sich lesen. Sein Sein weht eine eigene Sehweise herbei, und lässt einem vom Fern- zum Nahseher, vom Nahlauscher zum Fernhörer werden. Seeseele. Mutterseele. Nah. All. Ein.
(Kontakt: www.haus-am-see-kraemerstein.ch)

John Wolf Brennan

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